Tegernsee, 21. November 2025. Das Natürliche und das Künstliche – Dimensionen der Menschlichkeit unter diesem Motto steht die aktuelle Vortragsreihe im Korbinians Kolleg. Und mit dem Auftritt von Professor Dr. Armin Nassehi hatte das Semester dabei gleich einen ersten Höhepunkt. Sein Impulsvortrag „Drei Szenen zur Künstlichkeit des Natürlichen“ war nicht nur komplex, sondern auch außerordentlich unterhaltsam und begeisterte die rund 220 Zuhörer, die am vergangenen Freitagabend in den großen Festsaal im Spa & Resort Bachmair Weissach gekommen waren, um dem Soziologen aus München zuzuhören.

 

Während draußen die ersten Schneeflocken ins Tegernseer Tal fielen, begrüßteGastgeber Korbinian Kohler drinnen unter künstlichem Licht, wie er in weiser Voraussicht auf das Kommende betonte, seine Gäste – darunter die Unternehmerin Christiane zu Salm, Moderator Michael Harles, Landrat Olaf von Löwis und etliche akademische Wegbegleiter von Armin Nassehi. Der neue Kurator des Korbinians Kolleg, Professor Karsten Fischer, stellte seinen Kollegen im Anschluss noch etwas genauer vor – auch wenn das eigentlich ein unnötiger Akt war, wie er gleich selbst eingestand. Als einer der maßgeblichen Soziologen Europas hat Nassehi schließlich nicht nur durch eine Vielzahl an Arbeiten von sich reden gemacht, sondern mit vielbeachteten Büchern wie „Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft.“ oder „Das Große Nein“ auch die gesellschaftliche Debatte in den letzten Jahrzehnten entscheidend geprägt.

 

Professor Nassehi eröffnete seinen Vortrag mit der grundlegenden Frage, ob der Begriff Natur nicht schon in sich eine künstliche Zuschreibung wäre. Und er warnte seine Zuhörer augenzwinkernd vor, dass alle folgenden Erörterungen damit ohnehin auf einem etwas fragwürdigen, weil immer von Menschen codiertem Fundament stünden. Dieses Paradox, diese Widersprüchlichkeit, das wurde schnell klar, muss jeder aushalten, der den Grat zwischen Natur und Kultur definieren möchte. Der engagierte Dozent und sein Auditorium im Bachmair bewältigten in den kommenden 90 Minuten diese Gratwanderung – mit unterhaltsamen Tiefblicken mal auf die eine und mal auf die andere Seite.

 

Drei Szenen hatte Professor Nassehi mitgebracht, um die Frage nach dem Unterschied zwischen Natur und Kultur aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten: Klonen, Künstliche Intelligenz und Natur als Ressource. Beim Thema Klonen ging es gleich um die große Daseinsfrage oder genauer: Wer darf klonen und wer ist eigentlich für das Design des Menschen verantwortlich? Gott? Die Natur? Die Eltern? Oder gar der Staat? Alle vier Möglichkeiten hatten und haben in der Geschichte überzeugte Anhänger, wie Nassehi kurzweilig ausführte. Am Ende dieses ersten Kapitels stand immerhin eine plausible Erkenntnis: Die Autonomie des Menschen hängt eben auch von der Zufälligkeit in der Natur des Menschen ab. 

 

Die mit Spannung erwarteten Ausführungen zur zweiten Szene mit der Überschrift„Künstliche Intelligenz“, nahm dann erwartungsgemäß die meisten Zeit in Anspruch – auch dank reger Publikumsbeteiligung. Kann ChatGPT einen zutiefst menschlichen Witz erfassen und sinnvoll erklären (Antwort: Nein!) und was an dieser neuen Technik ist eigentlich künstlich und was intelligent? Professor Nassehi erläuterte seinen Eindruck, dass die KI sich heute bei ihren Antworten oftmals noch mit sinnhaften Verweisungen und der Wiedergabe von vergangenen Wahrscheinlichkeiten nur in eine Vortäuschung von echter Intelligenz rettet. Denn merke: Technik ist in ihrem Wesen eigentlich nicht ergebnisoffen. Menschliche Intelligenz aber schon. Und daran ist sie zu erkennen.

 

Gesellschaftlich aktuell wurde es auch in der dritten Szene mit dem Titel Natur als Ressource. Denn da ging es nicht um Wasserkraft, wie manch einer zunächst angenommen haben könnte. Nassehi wählte die Geschlechtereindeutigkeit und die Debatte in Bereichen der Genderwissenschaften und der feministischen Forschung als Kulisse für die Frage, ob die Natur manche Tatsachen unverrückbar festlegt. Und wie die Gesellschaft oder die Kultur mit solchen scheinbar unverrückbaren Tatsachen umgehen? Eine sensible Thematik, bei der ein wichtiger Aspekt deutlich wurde – wenn Kultur und Natur im Clinch liegen, spielen Begrifflichkeiten eine bedeutende Rolle und damit wieder menschengemachte Codes.

 

Die anschließende offene Runde eröffnete Gastgeber Korbinian Kohler mit der Frage, ob der Planet und die Natur nicht ohne den Menschen besser dran wären? „Der Mensch ist das Problem aber auch die Lösung.“ antwortete Professor Nassehi und das klang wie eine Essenz, die aus allen drei Szenen des Abends abgeleitet war. Interessierte Publikumsfragen und heitere Denkanstöße rundeten den Vortragabend ab, anhaltender Applaus bekräftigte die Wirkung, die der Auftritt des renommierten Soziologen bei den Zuhörern hinterlassen hatte. Zum Abschied gab Korbinian Kohler seinen Gästen noch eine Warnung vor glatten Straßen mit auf dem Weg – so gesehen hat die Natur doch das letzte Wort gehabt.

 

Das Wintersemester 2025/26 im Korbinians Kolleg

 

Übergeordnetes Thema: „Das Natürliche und das Künstliche: Dimensionen der Menschlichkeit"

 

Der Mensch bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen und ringt mit seinen moralischen und technischen Grenzen, die sich immer mehr verschieben und uns also zum Nachdenken über unsere Entscheidungsspielräume zwingen. Der Mensch ist von Natur aus künstlich, denn er schafft Kultur und Zivilisation, und damit verändert er die ihn umgebende Natur und auch seine eigene Natur.  Das Verhältnis zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen ist also eine Dimension des Menschlichen, aber es ist auch immer spannungsreich.

 

Dieses Spannungsfeld beschäftigt die Vortragenden und Gäste des Korbinians Kollegs im Wintersemester 25/26. Wie immer werden sich dabei hochkarätige Wissenschaftler, Politiker und Philosophen aus ihren jeweiligen Fachgebieten dem Thema annähern und den Zuhörern Denkanstöße und Inspiration auf höchstem Niveau vermitteln. Folgende Termine und Gastredner sind für die kommendenMonate vorgesehen: 

Korbinians Kolleg Winter 2025/26 | Bachmair WeissachLink

 

Professor Dr. Armin Nassehi

Geboren 1960 in Tübingen, ist Nassehi seit 1998 Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist seit 2025 auch Vizepräsident der LMU. Durch eine Vielzahl von Büchern, Gastartikeln und wissenschaftlichen Beiträgen ist er auch jenseits der akademischen Welt schnell bekannt geworden. In seinem Buch „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ (2019) beschäftigte sich Nassehi mit dem digitalen Denken, das er als ein Grundmuster der sozialen Moderne erkennt. In „Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft“ (2021) lieferte er Analysen zum verbreiteten Überforderungsgefühl der heutigen Gesellschaft. Nassehi ist seit 2012 auch Mitherausgeber des renommierten Kulturmagazins „Kursbuch“, darüber hinaus wirkt er in diversen wichtigen Gremien mit – etwa im Deutschen Ethikrat. 

 

Über das Korbinians Kolleg

Das Korbinians Kolleg wurde 2017 von Korbinian Kohler und Prof. Dr. Wilhelm Vossenkuhl ins Leben gerufen. Vision der beiden Männer war es, damit im Spa & Resort Bachmair Weissach eine offen zugängliche Echokammer für philosophische Diskussion und gesellschaftspolitische Gesprächskultur zu schaffen. Initiator und Gastgeber Korbinian Kohler brachte das Ziel der Vortragsreihe auf den Punkt: „Wir wollen den Menschen Denkanstöße geben, die über den Alltag hinausgehen, und einen Dialog anregen, der uns als Gesellschaft weiterbringt.“ Sein Ziel ist es, mit dem Korbinians Kolleg Fragen der Zeit auf höchstem Niveau zu erörtern und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das „Korbinians Kolleg“ findet im Wintersemester einmal im Monat, immer an einem Freitag, statt. Die Teilnahme an den Vorträgen ist für Hotelgäste sowie für externe Gäste bei vorheriger Anmeldung kostenfrei.

 

Im Korbinians Kolleg im Spa & Resort Bachmair Weissach befanden sich unter Kohlers Gästen u. a. Christiane zu SalmOlaf von Löwis mit Gattin (Landrat Miesbach), Susanne Gräfin und Klaus Graf von MoltkeAlexia und Jens Zangenfeind (Erster Bürgermeister der Gemeinde Hausham)Künstlerin Suse KohlerDr. Rebekka Reinhard (human Magazine) mit Chefredakteur Thomas VasekNanette von der LeyenMax Scharnigg (Autor und Journalist), Anja Biebl, Chefredakteurin Alina Bähr (Bunte.de), Marlies und Ferdinand Kohler (Tochter und ältester Sohn von Suse und Korbinian Kohler) u. v. m.