Schwarz-weiß Aufnahme einer Massage/ Spa- Behandlung

Longevity ist Trend, Schlachtruf und Verkaufsschlager. Die Spa-Medizin zieht weltweit mit

Ray Kurzweil ist 76 Jahre alt und Chef der Abteilung „Technische Entwicklung“ bei Google. Er gönnt sich jeden Tag 80 Pillen, „plus einige Infusionen“, das hat er im Podcast des US-Amerikaners Seth Rogan erzählt. Der Grund ist nicht etwa irgendeine Erkrankung. Kurzweil – dessen Name in diesem Zusammenhang wirkt, als hätte man ihn einem Comicband entliehen – ist überzeugter Anhänger und als Sachbuchautor treibende Kraft des seit Pandemiezeiten boomenden Longevity-Trends.

Was Longevity bedeutet, kann man mit einem Wort erklären. Eine Freundin von mir – im übrigen eine junge Frau, mit unbändiger Energie und großer Lebendigkeit – nennt das Ganze aufgrund eines Hörfehlers fälschlich und doch so treffend, beharrlich „Long-livity“.

Doch es geht bei diesem futuristischen Trend nicht nur um den Traum von einem langen, gesunden Leben. Das haben Pfarrer Kneipp und Diätpapst F.X. Mayr mit ihren Kuren ja schon vor hundert Jahren ebenso angestrebt wie die alten Römer mit ihren Spas und die seit Jahrtausenden praktizierenden indischen Ayurveda- Ärzte. Ray Kurzweil und andere Langlebigkeits-Akteure wollen mehr. Sie streben danach, die Zeit zurückzudrehen – zumindest die des Einzelnen, oder wenigstens die eigene.

Kurzweil erklärt das, etwas verkürzt gesagt, so: Wer seinen Körper heute optimal versorgt – mit allen Tricks, die moderne Medizin und ausgeklügelte Ernährungspläne auf Lager haben – der altert langsamer. Binnen eines Jahres also nicht zwölf Monate, sondern beispielsweise nur elf. Da wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Forschungssektor jedoch exponentiell fortschreiten, wird man den Prozess – laut Kurzweil – in gar nicht so ferner Zukunft sogar umkehren können. Und binnen eines Jahres nicht nur um zwei oder drei Monate altern, sondern im Gegenteil, sogar immer jünger werden können.

Trotz aller Rechenkünste ist das noch Science Fiction. Jetzt steckt die Longevity, man möchte sagen, noch in den Kinderschuhen. Aber das Interesse an den Möglichkeiten dieses medizinischen Zweig wächst weitweit, das Repertoire der entsprechend spezialisierten Ärzte ebenso.

Blut- und Biomarker-Analysen, DNA-Risiko-Analysen und Glukose Monitoring, hochindividuelle Fitness- und Ernährungspläne sowie Nahrungsergänzungsmittel, Kryo- and Rotlicht-Therapien, Infusionen und Kältekammern sind darunter. Alles einsetzbar im Ringen um die ultimative Zeitlosigkeit.

An vielen Orten der Welt entstehen in diesen Tagen neue Spa-Kliniken mit einem entsprechenden Angebot. Der Grundpreis für eine Woche Aufenthalt dort beläuft sich in der Regel um die 10.000 Euro. Damit manifestiert sich, was als Redensart schon lange existiert: Die Gesundheit ist das teuerste Gut des Menschen. Die Welt der Wellness wandelt sich auf diesem Wege. Massagen und Gesichtsbehandlungen sind längst nicht alles, was sie zu bieten hat.

Das Global Wellness Institute prognostizierte auf seinem Kongress 2024, dass die „Spa-Industrie“, wie das Institut das Metier ganz unromantisch nennt, bis 2027 jährlich jeweils um mehr als acht Prozent wachsen wird. Denn auch bereits bestehende Spas nehmen Longevity-Konzepte neu mit ins Programm.

Zwei Aspekte werden bei alldem bislang dennoch wenig diskutiert: In Ländern wie Deutschland, wo ein gutes Gesundheitssystem existiert, bei dem auch gesetzliche Krankenkassen viele Präventiv- Untersuchungen unterstützen, unterscheidet sich die Ausgangslage für Longevity-Medizin von anderen Ländern. Überall gleich auf der Welt gilt aber: In den Stunden, in denen ich am Tropf mit einem Vitamincocktail hänge, oder meine 80 Kapseln und Tabletten durchzähle, (er)lebe ich eher weniger. Wenn auch in längerer Zeit.

SUSANNE HERMANSKI