„Das ist ja zum Schießen!“ Wenn meine Oma mütterlicherseits das sagte – und sie hatte immerhin zwei Weltkriege überlebt –, dann meinte sie eigentlich: „Das ist aber lustig!“ Zum Schießen haben die Menschen die unterschiedlichsten Assoziationen, soviel ist klar – auch wenn diese Redewendung etwas komplexer zu verstehen ist, als wir das hier gerade tun.

Als man mir erzählte, Korbinian Kohler habe seine Bachmair Weissach Welt aus herrlichen Hotels, eleganten Spas, Restaurants, einer Berghütte, einer avantgardistischen Kletter- und Spielehalle und einem wunderschönen Reitstall nun um eine Neuerwerbung erweitert – einen Schießstand –, freute ich mich. Und erst im zweiten Moment schoss mir durch den Kopf, dass dies in Zeiten, da gar nicht so sehr weit entfernt von uns, Feindeskugeln Menschen niederstrecken, ein vertracktes Thema ist.

Wer will warum schießen? Wer will das Schießen lernen oder an einem Schießstand üben und warum? Mein Vater ist auf die Jagd gegangen, hat aber eher selten – verzeih, die Ehrlichkeit, Papa, da oben auf deiner Wolke – etwas getroffen. Oder treffen wollen. Er war mehr Heger als Jäger aus meiner Sicht, machte mir aber schon als Kind unmissverständlich klar, was seine Maxime war: Wer Fleisch essen wollte, der müsste auch bereit sein zum Äußersten zu gehen, und seinen Braten im Zweifelsfall selbst erlegen. Alle anderen würden besser und anständigerweise: Vegetarier.

Einen Menschen aber kenne ich, der geht tatsächlich regelmäßig auf Schießstände: meine Herzensfreundin Elisabeth Bronfen. Sie mag keine ausgesprochene Pazifistin sein, und doch ist sie über den Verdacht jeder Schießwut, Blutrünstigkeit oder Ballerfrauritis erhaben. 

Elisabeth Bronfen ist Wissenschaftlerin, tauchte schon auf den Hitlisten des Time Magazine mit den einflussreichsten Intellektuellen der Welt auf. Und sie ist nicht etwa eines dieser durchgeknallten Mitglieder der National Rifle Association, die seit Jahr und Tag in den USA auf möglichst laxe Waffengesetze in einer auf Rachsucht getrimmten Gesellschaft abzielt. Trotzdem kann sie schießen wie kaum ein anderer Mensch, den ich kenne.

Elisabeth Bronfen, die in der Schweiz lebt, ist aber auch keine Sportschützin im eigentlichen Sinne. Sie nimmt nie an irgendwelchen Wettbewerben teil. Elisabeth sieht das Schießen mit Feuerwaffen „als eine Art Zen-Buddhistische Übung“, wie sie sagt. „Denn man schießt nicht mit den Augen. Man schießt mit dem Atmen. Also aus dem Moment der Entspannung heraus.“ Wer verkrampft, treffe nie.

Elisabeth Bronfen, die schon viele wissenschaftliche Bestseller geschrieben hat, über das wahre Wesen der Diven und das Schicksal von Künstlermusen etwa, beteuert: „Man kann beim Schießen an nichts anderes denken, man kann dabei nicht sprechen, und nicht zweifeln. Aber ist der Schuss gefallen, hat das etwas unglaublich Kathartisches.“

Zurück zum Ausgangspunkt, dem Satz meiner Großmutter. Es wäre ein Irrtum, so leicht vom nicht weniger kathartischen Lachen aufs Schießen zu schließen. Geht man dabei wissenschaftlich vor und schlägt in Büchern zu der Redewendung nach, erhält man andere Ergebnisse. Im „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ heißt es da, sie leite sich „von schießen in der Bedeutung hervorwachsen her, so wie wir sagen, dass ,Der Salat schießt.‘“ Denn beim Lachenden, „der sich krümmt, wächst gleichsam ein Buckel hervor, Vergleiche: ‚sich bucklig lachen‘“.

Unglaublich befreiend empfinde ich im Übrigen auch, dass unsere Tochter schon seit sie ein kleines Mädchen war an jeder Schießbude auf dem Rummel den Jungs die Schneid’ abgekauft hat. Sie schießt lieber ihnen die Rosen als umgekehrt, Und immer ist jeder Schuss ein Treffer. Dabei ist sie abseits vom Schießstand eine erklärte Pazifistin, und sie lehnt Waffen als Mittel der Gewaltausübung ab. Die Idee, da eine Verbindung herzustellen? – Die ist ja zum Schießen!

SUSANNE HERMANSKI