SCHÖN UNVOLLKOMMEN
SCHÖN UNVOLLKOMMEN
Das allzu Perfekte? Wirkt leer. Das scheinbar Unperfekte? Fasziniert. Dank einer Japanreise hat der Schriftsteller Lenz Koppelstätter verstanden, warum. Eine Bewunderung
Gibt es etwas Langweiligeres als den perfekt schönen Berg? Den perfekt schönen Popsong? Den perfekt schönen Menschen? Die exakt richtige Lebensweisheit? Das scheinbar perfekt schmeckende Gericht? Perfektion, für sich allein stehend, wie sie im allgemeinen fehlverstanden wird, ist eine leere Hülse. Postkartenidylle, allein der vermeintlich perfekten Schönheit wegen, hat mich noch nie fasziniert. Womit wir bei Japan wären. Bei meiner Japanreise vor einigen Jahren, zu der mir der Münchner Barmann Charles Schumann riet. Ich müsse dort in eine Bar! „Es ist still in diesen Bars“, schwärmte er mir im Hofgarten, im Schatten der Kastanienbäume, vor, „fast andächtig, mönchisch. Schlichtes Interieur, fünf Plätze an der Theke. Das war’s.“
Bevor ich in Japan war, dachte ich stets, mit mir stimmt etwas nicht. Mit meinem Schönheitsverständnis. Warum gefällt mir dieses sogenannte, so empfundene, perfekt Schöne nicht? Warum langweilt mich das? Ich streifte durch Tokio, durch diese verzauberte Stadt, die sich uns Westmenschen gegenüber den Spaß erlaubt, auf den ersten Blick so altbekannt zu erscheinen. Auf zweiten, dritten, vierten Blicken uns zu verstehen gibt: Ich bin so anders, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Das kannst du gar nicht durchdringen!
Ich habe, nachdem ich mit dem Shinkansen, dem japanischen Überlandschnellzug dann irgendwann von Tokio nach Kyoto weitergereist bin, in einer dortigen Whiskybar erst mal von jenem Schönheitsempfinden gehört, das ich, unterbewusst wohl, unwissend und naiv, in meinem Leben bis dato so vermisst hatte: Wabi-Sabi. Diese japanische Schönheitskategorie, die sich mit unsereiner Worten nur herantastend beschreiben lässt. Wabi-Sabi, das ist der Sprung, welcher der handgeformten Teetasse erst Charakter verleiht. Tags darauf stöberte ich in einer nahe liegenden Bücherstube nach englischsprachiger Wabi-Sabi-Literatur. Setzte mich mit einem kleinen Büchlein des amerikanischen Architekten und Künstlers Leonard Koren in eine Ecke. Las. Verlor mich in einer Welt, von der ich bislang nur ahnte, unbewusst hoffte, dass es sie irgendwo gibt. Und wenn auch nur als idealisierte Idee. Als Utopie.
Die Geburt von Wabi-Sabi datiert man auf die Lebenszeit des ersten japanischen Teemeisters, dessen Existenz schriftlich nachgewiesen ist: Murata Juko, ein Zen-Mönch aus dem 15. Jahrhundert, der aus Nara stammte. Er nutzte gerne einheimisches Teebesteck. Von einfachen Handwerkern gefertigt. Hundert Jahre später ging die Idee der Zurückhaltung auf die Räumlichkeiten der Zeremonie über, sie wurde zunehmend in schlichten Bauernhäusern abgehalten. Durch den Teemeister SEN no Rikyo erreichte Wabi-Sabi im 16. Jahrhundert einen Höhepunkt. Er stellte die grobgeformte, heimische Handwerkskunst sogar höher als die bis dahin bei mächtigen japanischen Heerführern favorisierten formvollendet gestalteten chinesischen Kostbarkeiten.
Wabi-Sabi, das ist, wie Koren schreibt, eine Philosophie der Bescheidenheit. Die Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge bezeichnend. Genauer? Lässt es sich für uns Abendländer kaum beschreiben. Wabi-Sabi ist einfach da, wenn man es sieht, fühlt. Übersetzt in unsere schnöde, moderne Welt: das Gegenteil von Überladenheit. Von Massengeschmack, der doch beinahe immer recht geschmacklos ist. Wabi-Sabi, das ist: kein Schnickschnack. Keine Überladenheit. „Alles Vorhandene“, so schreibt Koren weiter, „hat seine Berechtigung.“ Wabi-Sabi ist: „tiefgründig, mehrdimensional, schwer fassbar“. Und: „Das Zulassen und Zelebrieren von Zerbrechlichkeit.“
Die einfache Teetasse eben, die dem Betrachter erst durch den Sprung aufzeigt, wie schön sie eigentlich war. Nein: ist! Wie schreibt Koren ebenso: „Nichts, was existiert, ist ohne Mängel. Wenn wir etwas wirklich gründlich betrachten, entdecken wir seine kleinen Fehler.“ Und wie formulierte auch der famose Okakura Kazuko nicht schon in seinem 1906 erschienenen Büchlein vom Tee: „Die nicht die Kleinheit großer Dinge in sich fühlen, die werden auch die Größe kleiner Dinge in anderen übersehen.“ Ich überlegte, an meinem zweiten Abend whiskytrinkend in Kyoto, was Wabi-Sabi heute sein könnte. In Europa. Der Narbenriss auf der Wange des marmornen Adonis? Die einfache Alpenhütte? Die etwas zu nachlässig gebundene Seidenkrawatte, die an der Spitze ausfranst. Im zeitgenössischen Japan? Nicht die Kirschblüte, nein. Vielmehr der Tag danach, wenn die ersten Blüten am Verwelken sind. Vergänglichkeit des Schönen, die das Schöne unfassbar macht. Diese Bar, in der ich saß. Klein. Still. Von schlichter Eleganz. Der torfige Nachgeschmack im Whisky in meinem Glas, der das Sinnesgefüge des Trinkenden kurz zwischen Ekel und Hochgenuss schwanken lässt. Ihn dann zu zweiterem geleitet.
Wabi-Sabi, das ist auch ein Paradox, erkannte ich. Das Balancieren auf dem seidenen Faden. Denn es kann auch das unbedingte Vermeiden des Perfekten zum Wahn verkommen. Wir Abendländer sind durchaus Experten darin, fremdes Faszinationsgut kaputt zu machen, indem wir es allzu perfektionistisch zu perfektionieren versuchen. Ich musste, weit nach Mitternacht durch die Straßen Kyotos hinunter zum Fluss flanierend wieder an Charles denken. An seine Worte: fast andächtig. Mönchisch. Auch an seine Warnung, die er mir im Hofgarten hinterherwarf, eine gute Bar betreffend. Was jedoch auch fürs Leben gelten soll: „Bloß keinen Moden folgen! Trends meiden! Das Zeitlose zelebrieren! Es darf nur nicht überhandnehmen, nicht zum Klischee werden.“ Wenn’s so einfach wäre.
LENZ KOPPELSTÄTTER
Lenz Koppelstätter ist Bestsellerautor („Commissario Grauner“-Reihe, „Gianna Pitti“-Reihe, „Aylas Lachen“) und Reisereporter für „Salon“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.