Der Krimiautor Lenz Koppelstätter musste erst wegziehen von den Alpen, um sie schätzen und lieben zu lernen. Nun ist er zurück - und glücklich. 

Als Kind habe ich mich stets gewundert. Ich schaute von unserem Haus am Berghang, von unserem Balkon aus, rüber auf die Gipfel an der anderen Talseite, dazwischen lag die grüne Ebene, die Autobahn zog sich schnurgerade daran entlang. Stau an der Autobahnausfahrt. Da kamen sie alle wieder. Sie wollten zu uns. Zu den Bergen. Ich verstand es nicht. Was war denn so besonders an den Bergen? Ich kannte sie vom ersten Tag meines Lebens an. Ich bin mitten in den Bergen aufgewachsen, mit ihnen groß geworden. Als ich kam, waren sie schon da. Begleiteten mich Tag für Tag. Morgens krabbelte hinter ihnen die Sonne hervor, sie brachte die schneebedeckten Gipfel tagsüber zum Glitzern, am späten Nachmittag warfen die Berge lange Schatten, abends verschwand die Sonne wieder hinter ihnen. Dann lagen sie im Dunkeln.

Ein Dasein ohne die Berge, das kannte ich, kannten wir Kinder aus den Alpen, nicht. Die Berge waren ein Fixpunkt, ein Halt, wie Mutter und Vater. Wie größere Brüder, die auf einen herabschauten, einen behüteten, auf denen man herumtollte, herumkraxelte, mit denen man Lebenserfahrung sammelte. Wie mit besten Freunden. Diese Menschen in den Autos, hatten die denn da, wo sie wohnten, keine besten Freunde? Warum standen sie im Stau, an der Ausfahrt, warum taten sie sich das an, stundenlange Autofahrten, Stress, nur um die Berge zu sehen, die doch nichts Besonderes waren? Berge, das Normalste der Welt. Einfach da. Basta. Was für ein niedlicher, naiver, kindlicher Gedanke.

Ich fuhr Ski mit meinen Freunden, ging mit meinen Eltern wandern, eroberte mit meinem Vater die höchsten Gipfel rund um unser Dorf. Als ich etwas älter wurde, stritt ich mich mit den Bergen. So wie man auch mit Freunden, mit Brüdern, mit Eltern stritt. Ich spürte, dass sie mir im Wege standen. Dass ich mich von ihnen lösen musste. Sie standen mir nicht mehr bei, wie gute Freunde, wie Eltern, Brüder. Sie umzingelten mich. Machten mich nicht atemlos. Raubten mir vielmehr die Luft zum Atmen. Standen scheinbar der Freiheit im Weg. Ich sah auf den Gipfeln, dass dahinter weitere Gipfel waren, fragte mich, was war da dahinter, da, wo keine Gipfel mehr waren, da, woher die Autos immer kamen, die an der Autobahnausfahrt im Stau standen.

Ich zog nach Berlin. Zum Studieren. Ich genoss die Studentenzeit – lange. Ich genoss es, nicht mehr am Ende der Welt, in der vermeintlich hintersten Provinz zu verharren, hinter allen Bergen. Ich genoss es, da zu sein, wo scheinbar „Alles!“ passierte. Auch wenn ich bald nicht ganz verstand, was dieses „Alles!“ sein sollte. Ich blieb in Berlin – lange. Irgendwann jedoch vermisste ich etwas, ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was es war. Es waren die Berge. Und alles, was zu den Bergen dazugehörte. Die Kraft der Jahreszeiten! Wie habe ich sie in Berlin vermisst. In Berlin genießt du den kurzen Sommer und dann wartest du in Dunkelheit, im Schneeregen, im Wind auf den Frühling, der spät daherkommt (Sorry, Berlin! Ich liebe dich trotzdem. Anders.). In den Bergen genießt du den Sommer und freust dich am Ende des Sommers auf die kalte, schneereiche und doch gleichzeitig sonnenreiche Jahreszeit. Die klare Bergluft! Die kalten Bergseen! Das stoische Kauen der Kühe, das Pfeifen der Murmeltiere. Eine Knödelsuppe auf dem Rückweg vom Gipfel. Der Schnee, der die Äste der Fichten und Tannen nach unten drückt. Ein paar Schwünge im steilen Hang. Pures Glück. Die Bergen machen etwas mit einem, der umgeben von ihnen aufwächst. Sie fressen sich ein in dessen DNA. Du kannst den Alpenjungen aus den Bergen rausholen, aber du holst die Berge niemals aus dem Alpenjungen heraus.

Ich beobachtete mich, wie ich bald war wie jene, die im Stau an der Autobahn stehend zu uns kamen. Mit wurde warm ums Herz, wenn ich auf einem Plakat oder auf einer Zeitschriftenseite ein Bergpanorama sah. Ich quatschte bald jeden, der es wissen wollte (oder auch nicht), mit Bergerzählungen voll. Auf welchen Gipfeln ich schon stand, welche Gipfel ich irgendwann noch erklimmen wollte. Ich wurde angenehm nervös, wie als Kind in den Tagen vor Weihnachten, wenn ich mit dem Auto gen Süden, in Richtung Heimat, in Richtung Alpen, fuhr. Ich spürte mein Herz schneller klopfen, wenn nach den vielen Kilometern endlich die Bergsilhouette am Horizont auftauchte. Ich verstand, was ich als Kind nicht verstehen konnte.

Simon Messner, der Sohn von Reinhold Messner, selbst ein exzellenter Kletterer und ein kluger, junger Kopf, sagte mir einmal: „Weißt du, Lenz, wer im Leben nie weggeht von Zuhause, wer die eigene Realität nie von außen wahrnimmt, der wird ein Leben lang nur die Hälfte von sich selbst kennen.“ Diese paar simplen Worte beschäftigten mich lange und tun es immer wieder.

Ich habe erst durch das Weggehen verstanden, wie schön wir es auch daheim haben. Wir Bergmenschen. Wir Alpenjungen. Die Berge, meine Freunde, sind keine Selbstverständlichkeit. Sie geben Halt. Ich glaube, dass der Mensch so etwas braucht. Eine Naturgewalt, die in ihm drinsteckt. Die Sehnsucht in ihm auslöst. Unerklärbar, fast schon schmerzhaft schön. Es müssen wohl nicht immer die Berge sein. Es mag Menschen geben, denen die Berge nichts sagen. Ich habe für meine Südtiroler Kriminalreihe selbst so einen Menschen erfunden, im Wissen, dass man ja als Autor natürlich nie etwas tatsächlich ganz neu erfindet, dass alles scheinbar Erfundene nur ein Mix aus Begegnungen, Beobachtungen, Erlebnissen des echten Lebens ist.

Mein Ispettore Claudio Saltapepe wurde von Neapel in die Berge versetzt, um meinem Commissario Johann Grauner, ein Alpenjunge, zur Seite zu stehen. Saltapepe versteht die Berge nicht. „Warum klettert ihr da hoch?“, fragt er Grauner. „Damit wir runterschauen können“, versucht Grauner zu erklären. „Dann könnt ihr ja gleich unten bleiben“, fährt der Ispettore kopfschüttelnd fort. Saltapepe ist ein Meermensch. In ihm steckt die gewaltige Kraft der Brandung. Die einen brauchen das Meer, die anderen die Berge. Und der, der Berge und Meer nicht da hat, wo er lebt, der muss dahin, wenn auch nur für ein paar Tage. Urlaub. Ans Meer? Oder in die Berge? Der Klassiker. Manche lieben wohl auch die Kraft der Ebene. Ich kann Giuseppe Verdis Opern nicht hören, ohne im Schwarz der geschlossenen Lider den Nebel über dem saftigen Grün der Pianura Padana, seiner Heimat, liegen zu sehen. Berge, Meer, Ebene. Ein paar Tage Glückseligkeit für uns gestresste Workaholics. Den Puls der Natur spüren. Diese ungeheuerliche Kraft. Sich selbst damit betanken.

Wenn ich heute von meiner Terrasse aus hinüberschaue zu den Bergen, zu den Gipfeln, auf der anderen Seite des grünen Tals, wenn ich die Autos an der Autobahnausfahrt sehe, dann wundert mich nichts mehr. Ich verstehe, was sie hierher zieht, welche Sehnsucht sie antreibt, eine Sehnsucht, die auch in mir steckt. Doch ich musste, um sie zu entdecken, erst weggehen, wiederkommen. Und ich werde wieder weggehen an dem Tag, an dem ich merke, dass ich die Schönheit der Berge als selbstverständlich abkanzele. Sich entfernen, um sich neu zu verlieben. Ich nehme die Schönheit der Berge heute bewusst wahr. Jeden Tag. Das ist ein bisschen wie jeden Tag Urlaub in den Alpen machen. Schöner geht’s nicht. Freiheit. Inmitten meiner Freunde, der Berge.  

LENZ KOPPELSTÄTTER