Porträtaufnahme von Suse Kohler

Suse Kohler sieht ihren Protagonisten am liebsten ins Gesicht. Genauer gesagt in die Augen. Sie sind für die am Tegernsee beheimatete Künstlerin nicht nur Spiegel der Seele, sondern Zugang und damit Ausgangspunkt zu einem Dialog, zu dem sie den Betrachter ihrer Werke einlädt

Mit ihrem großen Lehrmeister Markus Lüpertz, der ihr, so sagt sie, auch heute noch während ihres Schaffensprozesses regelmäßig über die Schultern sieht, focht sie erfolgreich Diskussionen aus. Porträtmalerei stand bei Lüpertz nicht hoch im Kurs. In der aktuellen Ausstellung zeigt Suse Kohler starke Frauen in all ihren Facetten. Stärke, sagt sie, bedeute auch, verletzlich sein zu dürfen.

MOMENTE MAGAZIN
Suse Kohler, Ihre neue Aus- stellung „Starke Frauen“ impliziert, dass es noch immer Vorbilder braucht. Wie haben Sie sich dem Thema genähert?

SUSE KOHLER
Wenn ich mich auf eine Ausstellung vorbereite, ist das zunächst ein unglaublich intensiver Prozess, ein Ringen mit mir selbst – denn ich möchte ja eine Geschichte erzählen. Starke Frauen waren bei mir stets Teil meiner Porträts. Es gibt so unendlich viele davon, jede steht für sich allein. Bei dieser Serie tauchte ich immer wieder in problembehaftete Länder ein, fragte mich: wo sind die Minderheiten, was passiert Schreckliches. Da kommt man natürlich schnell auf den Iran.

MOMENTE MAGAZIN
Sie haben sich Gilda Sahebi, deutsch-iranische Schriftstellerin, Ärztin und Journalistin und Teil dieser Ausstellung als Stellvertreterin ausgesucht.

SUSE KOHLER:
Ich wollte mit meiner Auswahl gar nicht zu politisch werden, sondern Frauen zeigen, die Mut haben und für etwas einstehen. Die bereit sind, für die Grundrechte wie Gleichberechtigung, Freiheit und das Leben der Frauen zu kämpfen. Gilda Sahebi, ihr Porträt misst 200 cm x 155cm, gehört für mich eindeutig dazu. Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini und den darauffolgenden Protestbewegungen berichtet sie unermüdlich über die Geschehnisse im Iran. Was können Frauen in ähnlichen Situationen, sei es aufgrund der politischen Lage oder auch persönlicher Erfahrungen, von ihr lernen? Als Frau stark zu sein bedeutet, wenn man durch seine eigenen Erfahrungen (sie ist mit ihrer Mutter im Alter von drei Jahren aus dem Iran geflohen) die Schwächen nutzt und sie in Stärke umwandelt. So wird man selbst zum positiven Vorbild für andere Frauen und verleiht ihren Stimmen Ausdruck.

MOMENTE MAGAZIN:
Sie porträtieren Margot Friedlander, deutsche Überlebende des Holokaust. 

SUSE KOHLER:
Wir kennen alle ihre Lebensgeschichte. Und warum? Weil das, was ihr und ihrer Familie im Holocaust widerfahren ist, nicht in Vergessenheit geraten soll. Sie ist 102 Jahre alt und tourt von Schule zu Schule, von Veranstaltung zu Veranstaltung und erzählt als Zeitzeugin über die Grausamkeit des Rassismus, der Menschenverachtung, wie alles seinen Lauf nahm. In meinem Bild sitzt sie als 18-jähriges Mädchen, das war 1939, zu Kriegsausbruch auf dem heutigen „Holocaust Mahnmal“ in Berlin. Der Sprayer-Oma Irmela Mensah-Schramm, 77, aus Berlin, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, habe ich auch ein Bild gewidmet. Die mutige Rentnerin engagiert sich seit 40 Jahren als Menschenrechtsaktivistin und hat bereits 180.000 Aufkleber und Graffitis mit Naziparolen und Symbolen mit ihrem Ceranschaber und Nagellackentferner von Bushaltstellen, Stromkästen und Straßenschildern entfernt. Wenn die rassistischen Sprüche zu groß sind, sprayt sie noch größere Herzen drüber. Für die Sprayer-Oma hat Hass keinen Platz, und somit hat sie einen Platz in meiner Serie.

MOMENTE MAGAZIN:
Julia Nawalnaja, die Witwe des russischen Oppositionsführers Alexei Nawalny wurde kürzlich zusammen mit ihrem verstorbenen Mann mit dem „Freiheitspreis der Medien“ bedacht. Auch ihr haben Sie ein großes Porträt gewidmet.

SUSE KOHLER:
Ihre Rede zur Preisverleihung (den Ehrenpreis „des Ludwig- Erhard-Gipfels“ hat Suse Kohler gestaltet, Anm.d.Red.) hat mich sehr berührt. Dass sich Julia Nawalnaja trotz ihres Schicksals und ihrer immensen Trauer über den Tod ihres Mannes für die Demokratie in Russland einsetzt, zeigt ihre Stärke. Man konnte förmlich spüren, wie Schmerz und Glück beieinander lagen. In meinem Bild möchte ich genau das transportieren. Denn ihr Mann lebt ja ein Stück weit in ihr fort – und warum sollte sie nicht dadurch Glück erfahren und auch, wie im Bild festgehalten, lächeln dürfen.

MOMENTE MAGAZIN:
Das Spektrum starker Frauen ist vielfältig. Auch Taylor Swift gehört dazu. Warum?

SUSE KOHLER:
Taylor Swift hat eine außergewöhnliche Gabe für das Schreiben von Liedern. Ihre Texte sind sehr einfühlsam, weshalb es ihr gelingt, Menschen zu berühren. Sie erzählt Geschichten, erschafft Charaktere. Die Künstlerin setzt sich für Gleichberechtigung und gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie ein. Nach anfänglicher politischer Zurückhaltung hat Swift ihre Stimme sogar genutzt, um für politische Veränderungen einzutreten. Sie hat für Demokraten geworben, sich für Wahlen eingesetzt und ihre Fans zur politischen Teilnahme ermutigt.

MOMENTE MAGAZIN:
Im Zentrum Ihrer Porträts stehen immer die Augen. Warum?

SUSE KOHLER:
Ich versuche über die Augen das Wesen des Porträtierten zu erfassen. Wenn es mir gelingt, dies in meinen Bildern zu spiegeln und ich über die Augen einen Dialog zwischen dem Porträtierten und dem Betrachter herstellen kann, entsteht etwas Neues, und ich fühle Dankbarkeit. Bei meiner Serie „Machtköpfe“ war das deutlich zu beobachten: Jeder konnte zu den gezeigten Kanzlern etwas erzählen. Sei es positiv oder negativ. Daraus sind unglaublich viele interessante Gespräche entstanden.

MOMENTE MAGAZIN:
Markus Lüpertz haben Sie am Ende Ihres Studiums mit dem Christus-Porträt überzeugt. Ein starkes Bild, das anders war, gewaltig. Genau wie die gleichnamige Serie „2019 Jahre Leid ertragen“.

SUSE KOHLER:
Es entstand nach einer Israelreise, die mich tief bewegt hatte. Ich bin als gebürtige Oberammergauerin mit den Passionsspielen groß geworden, habe selbst 1980 mitgewirkt und besuche regelmäßig die Passionsspiele. Das macht etwas mit einem. Und dann fährt man in dieses Land und kann sich das alles genauer vorstellen und erspüren. Als ich auf dem Ölberg stand und auf Jerusalem hinübersah, überkam mich das Gefühl, dass es in dieser Stadt, in diesem Land keinen Frieden geben kann. Das war ein sehr berührender Moment – und mein Jesus, der den Kopf nach unten zur Stadt neigt, war zusammen mit den anderen Bildern der Serie das Ergebnis.

MOMENTE MAGAZIN:
Sitzt Markus Lüpertz, wie Sie einmal erzählt haben, beim Malen noch immer auf Ihren Schultern?

SUSE KOHLER:
(lacht) Ich glaube, dort wird er immer sitzen. Er ist nach wie vor oft während dem Malvorgang präsent. Ich finde das schön – er ist ein guter Geist.

MOMENTE MAGAZIN:
Sie haben einmal gesagt, das Konkrete in Ihrer Malerei aufbrechen zu wollen, obwohl das genau Ihren Porträts diametral entgegensteht – wohin führt der Weg?

SUSE KOHLER:
Darüber denkt man immer wieder nach. Das ist der Prozess, die Veränderung – letztendlich würde es mir vorkommen, als verletzte ich jemanden. Das steht mir nicht zu. Bei mir wird eine Nase definitiv nicht fünf Zentimeter nach links wandern. Aber ich habe begonnen, figürlicher zu werden. Ein spannender Weg, der natürlich auch Freiheiten erlaubt.