DESIGN IST EINE FIKTION!
DESIGN IST EINE FIKTION!
Matteo Thun und Korbinian Kohler kennen und schätzen sich seit geraumer Zeit. Matteo Thun wurde unter anderem beauftragt, Wildbad Kreuth, Korbinian Kohlers aktuellstes Projekt, architektonisch neu zu gestalten. An einem Sommertag im Juni treffen sie sich in der Glyptothek in München und sinnieren über Philosophie, den Unterschied zwischen Kunst, Design und Architektur – und welche Rolle Matteo Thuns Frau für sein Schaffen hat
KORBINIAN KOHLER:
Du hast mal den Vorschlag gemacht, als wir angefangen haben mit Wildbad Kreuth zusammenzuarbeiten, ein Meeting in der Glyptothek zu machen und nicht in einem Besprechungsraum. Warum? Was war der Gedanke dahinter?
MATTEO THUN:
Das war dein Gedanke – er stammt von dir und deinem Philosophiestudium. Ich glaube, die Glyptothek ist ein Ort der Selbstfindung. Und ich denke, in der Nähe von Sokrates, Platon und deinem Aristoteles zu sein, bringt einen weiter.
KORBINIAN KOHLER:
Ja, das stimmt; eigentlich ist das verbindende Glied zwischen uns beiden Platon. Du bist nämlich Sokratiker und ich bin Aristoteliker – und Platon quasi in der Mitte, und das verbindet uns, ganz richtig!
MATTEO THUN:
Ich möchte irgendwann so weit kommen, dass du ein Platoniker wirst.
KORBINIAN KOHLER:
Ja, vielleicht. Vielleicht ist das das Ende vom Lied, dass wir beide Platoniker werden.
MATTEO THUN:
Das könnte so sein.
KORBINIAN KOHLER:
Aber wenn du sagst: Geh zu deinen Wurzeln, deinem Ursprung zurück. Ich habe mich gefragt, muss man als Architekt auch handwerklich begabt sein?
MATTEO THUN:
Das kann ich nicht sagen. Ob ich begabt bin. Aber meine Eltern haben mir nie Spielzeug geschenkt. Vor dem Hintergrund habe ich als Kleinkind Schildkröten aus Ton gemacht. Schildkröten in der offenen Hand sind schlicht und einfach ein kreisrundes Ding, an dem du fünf Extremitäten befestigst. Und das waren dann meine Schildkröten. Und mit diesen Schildkröten habe ich gespielt – zwischen drei und sechs. Mit sieben habe ich begonnen, ein Pferdchen zu machen. Pferdchen sind sehr schwierig, weil ein Pferd auf vier Beinen steht und vier Beine mit Ton zu formen, ist schwierig. Das war alles aus Keramik. Meine Eltern hatten einen Keramikbetrieb, und ich konnte quasi Ton gratis bekommen und habe mit dem Ton mein Spielzeug gebaut.
KORBINIAN KOHLER:
Hat dich der Betrieb deiner Eltern, dieser keramische Betrieb, inspiriert, Designer und Architekt zu werden?
MATTEO THUN:
Vermutlich ja. Ich glaube mehr denn je an die Qualität des Handwerks. Und ich glaube, ein guter Architekt muss die unterschiedlichen Materialien kennen, muss wissen, was kann ich mit Ton machen, was kann ich mit Stein, mit Holz, mit Lehm gestalten? Die Kenntnis der Materialien ist die Basis unseres Berufs.
KORBINIAN KOHLER:
Aber haben deine Eltern dir über das, was sie mit Keramik gemacht haben, sozusagen schon einen Designwert in die Wiege gelegt? Oder würdest du sagen Nein, das war gar nicht mein Stil, ganz im Gegenteil, da wollte ich mich abgrenzen.
MATTEO THUN:
Sie haben mir Raum für Gestaltung gelassen und mir die Möglichkeit gegeben, bei Kokoschka zu lernen. Und meinen Eltern gab der Keramikbetrieb die Möglichkeit, Geld zu verdienen.
KORBINIAN KOHLER:
Und deine Eltern? Deine Herkunft? War wahrscheinlich prägend. Aber du hast dich auch ein bisschen abgegrenzt, zum Beispiel, weil du deinen Adelstitel zurückgegeben hast, weil du das, glaube ich, sogar irgendwie unangenehm fandest.
MATTEO THUN:
Es ist mir nach wie vor unangenehm über einen Titel, den du erbst, zu sprechen. Man sollte über die Dinge sprechen können, die man im Laufe des Lebens macht und nicht über Dinge, die du in die Wiege gelegt bekommst.
KORBINIAN KOHLER:
Also war das nicht ein Akt der Abgrenzung zu deinen Eltern, sondern es war so ein generelles Verständnis über das Leben.
MATTEO THUN:
Ein Verständnis über das Leben und nicht zuletzt auch die Bescheidenheit meiner Eltern, die ich auch meinen Kindern weitergeben möchte.
KORBINIAN KOHLER:
Wann hast du eigentlich gemerkt, dass du Architekt werden willst?
MATTEO THUN:
Ich wollte Pilot werden und nicht Architekt. Meine Mutter hat mir aber empfohlen, ein Jahr Architektur zu studieren. Ich habe dann als Bauingenieur begonnen und bin Architekt geworden.
KORBINIAN KOHLER:
Warum hast du dann nicht ein Ingenieurstudium für Luft und Raumfahrttechnik absolviert, um Pilot zu werden?
MATTEO THUN:
Gute Frage. Vielleicht würde ich heute nicht dasitzen und mit dir sprechen, wenn ich wirklich Pilot geworden wäre.
KORBINIAN KOHLER:
Weil du jetzt im Cockpit sitzen würdest oder weil du gar nicht mehr wärst?
MATTEO THUN:
Entweder ich wäre nicht mehr, was ja die Hypothese von Ettore Sottsass war. Er hat gesagt, ich akzeptiere keine Partnerschaft mit jemandem, der am Wochenende stirbt oder sterben könnte. Entscheide dich. Willst du fliegen oder willst du Architekt werden?
KORBINIAN KOHLER:
Kannst du noch mehr über diese Partnerschaft erzählen? Es war ja, glaube ich, sozusagen deine erste berufliche Heimat.
MATTEO THUN:
Meine erste berufliche Heimat war Emilio Vedova. Ich hatte ein Fiasko bei Oskar Kokoschka erlebt, habe dann Kokoschka verlassen und bin aus Protest zu Vedova, der damals als Maoist verrufen war, aber gleichermaßen auch mit Sicherheit der spannendste Künstler Italiens war. Ich hatte mich in der Kunst versucht, habe bemerkt, dass die Kunst nicht meine Baustelle ist, und habe dann durch Zufall in Los Angeles Ettore Sottsass kennengelernt. Und er hat mir angeboten, ihn in Mailand zu besuchen. Ich habe natürlich sofort die Chance ergriffen und bin immer noch in Mailand nach über 40 Jahren.
KORBINIAN KOHLER:
Sottsass hat dich also geprägt und lange in deinem Leben begleitet.
MATTEO THUN:
Er begleitet mich immer noch, weil ich nämlich auch vom kleinen zum großen Maßstab wechsle und keinen Unterschied sehe, ob ich jetzt einen Stuhl plane oder ein Haus.
KORBINIAN KOHLER:
Ist denn genau da, frage ich mich, denn die Ver- bindung zwischen Kunst, Design und Architektur? Oder wo ist da die Verbindung? Sind die überhaupt verbunden? Wie wichtig ist Kunst als Einflussfaktor auf die Architektur oder aufs Design oder umgekehrt?
MATTEO THUN:
Du hast es vorweggenommen: Kunst ist ein starker Einflussfaktor, hat aber nichts mit unserem Beruf zu tun. Ich bin ein Dienstleister, im kleinen wie im großen Maßstab. Ich verweigere mich, Designer zu sein und lehne das Wort Design strikt ab. Design ist eine Fiktion, sie ist entstanden mit der ersten Industrierevolution. Und die ist mit der Revolution des Digitalen auch wieder zu Grabe getragen.
KORBINIAN KOHLER:
Und das empfindest du als negativ?
MATTEO THUN:
Ich möchte nicht über Design sprechen, weil ich keine Ahnung habe, was das ist.
KORBINIAN KOHLER:
Dabei bist du wahrscheinlich einer der wichtigsten Designer mindestens Italiens, wenn nicht Europas.
MATTEO THUN:
Ich bin kein Designer, sondern ich bin ein Architekt, der auch im kleinen Maßstab versucht, Dinge zu lösen.
KORBINIAN KOHLER:
Okay, das ist ja überhaupt interessant, weil in Deutschland ein Architekt macht einfach nur Architektur, meistens sogar dann nur Hochbau, wenn ein Architekt noch einen Innenarchitekten engagiert hat, dann ist es schon doll. Aber du machst Architektur, Interior Design, Produktgestaltung, Grafikdesign. Wie kommt es, dass ihr so ganz anders arbeitet, als wir es in Deutschland kennen?
MATTEO THUN:
Das ist die Mailänder Schule. Das geht auf Ettore Sottsass zurück, der Zeit seines Lebens nicht unterschieden hat, ob er Fotograf, Schriftsteller, Architekt oder Gestalter im kleinen Maßstab war.
KORBINIAN KOHLER:
Also es geht immer um Gestaltung und um Ideenentwicklung?
MATTEO THUN:
Es geht immer darum, die maximale Einfachheit zu verteidigen und etwas so einfach wie nur möglich zu machen. Wenn beispielsweise in einem Hotel das Licht nicht passt – dann bin ich schuld und nicht der Lichtplaner. Wenn ich im Stuhl unbequem sitze, dann bin ich schuld und nicht der Stuhl. Das sage ich. In Deutschland ist das System einfach anders. Ein Architekt beschäftigt sich mit Hochbau, ein Innenarchitekt beschäftigt sich mit dem Inneren. Ein Lichtdesigner mit dem Licht. Und ein Landschaftsarchitekt macht nur Gärten und Landschaft.
KORBINIAN KOHLER:
Du bist ein großer Fan von Sana.
MATTEO THUN:
Sana. Sie sind mein großes Vorbild. Sana ist ein Studio, das von einer Frau und einem Mann betrieben wird. Die Frau ist tonangebend und macht sensationell gute Architektur, weil sie jedes Mal bei null beginnt. Und das ist auch unsere Theorie. Du bist als Unternehmer einmalig und deine Location ist einmalig. Und wenn ich auf das nicht eingehen kann, auf deine Einmaligkeit, dann mache ich keinen guten Job. Bei Tadao Ando, das ist eine andere Generation, ist das ganz anders. Er verarbeitet viel Beton.
KORBINIAN KOHLER:
Was ja eigentlich nicht dein Stil ist, weil du ja immer mehr mit Holz zu tun haben willst.
MATTEO THUN:
Holz ist mein Lieblingsmaterial, ja. Holz ist der Zement des 21. Jahrhunderts. Holz ist High-Tech und High-Touch! Seit 1990 baue ich ausschließlich mit Holz. Und alles, was unter der Erde ist, mit recyceltem Beton.
KORBINIAN KOHLER:
Wir haben vorhin von Kunst geredet und von Familie. Deine Frau spielt eine wichtige Rolle. Da kommen wir gleich noch dazu. Aber deine Kinder sind beide in der Kunst. Einer deiner Söhne ist Künstler und der andere ist Galerist.
MATTEO THUN:
Richtig.
KORBINIAN KOHLER:
Wie kam das zustande?
MATTEO THUN:
Wahrscheinlich haben die bemerkt, dass ihr Vater keine Freizeit hat oder seinen Beruf in so hohem Maße liebt, dass er an den Wochenenden an seine Dinge denkt. Und das war wahrscheinlich kein gutes Beispiel.
KORBINIAN KOHLER:
Also dann bist du im Club der erfolgreichen Menschen, die sich hin und wieder vielleicht wünscht, mehr Zeit mit den Kindern verbracht zu haben.
MATTEO THUN:
Ganz bestimmt.
KORBINIAN KOHLER:
Du warst Mitbegründer der Gruppe Memphis. Was steckt dahinter?
MATTEO THUN:
Memphis wurde 1980 von Ettore Sottsass ins Leben gerufen. Er hat weltweit ungefähr zehn Architektenkollegen eingeladen, Dinge zu machen, die es nicht gab. Vor dem Hintergrund, dass wir alle, ob das Japaner, Deutsche, Italiener oder Amerikaner waren, sehr unzufrieden waren mit dem Zustand der Gestaltung im Industriebereich und haben uns demzufolge selbst ein Briefing gestellt. Das Briefing war vollkommen frei und war ausschließlich nach vorne gerichtet und nicht nostalgisch. So arbeite ich auch heute noch. Es gibt keine Nostalgie in meiner Architektur, sondern immer nur den Versuch, Dinge neu zu machen. Nicht der Neuheit halber, sondern einfach, weil ich glaube, dass wir in die Zukunft schauen müssen und nicht in die Vergangenheit.
KORBINIAN KOHLER:
Geht es da auch um einen zivilisatorischen Fortschritt?
MATTEO THUN:
Es geht um zivilisatorischen Fortschritt. Und es geht darum, dass wir als Architekten die Verpflichtung haben, die nächsten 100 Jahre in den Griff zu be- kommen und nicht die letzten 100 Jahre zu kopieren.
KORBINIAN KOHLER:
Wie stehst du dann zum Thema Abriss versus Neubau? Bist du jemand, der, wenn die Möglichkeit besteht, die alte Substanz stehen lässt und dann darauf aufbaust? Oder sagst du lieber weg und neu starten?
MATTEO THUN:
Ausschließlich Altes retten! Und so haben wir uns auch kennengelernt. Wir wollen das Alte so gut wie möglich retten und so gut wie möglich wiederherstellen und dem Gast von heute zugänglich machen. Das ist nicht eine Abwehrhaltung gegenüber Nachhaltigkeit, sondern das ist der Glaube, dass gute Dinge gut altern.
KORBINIAN KOHLER:
Wie wichtig ist Geld für gute Architektur?
MATTEO THUN:
Geld ist nicht relevant. Die Vision ist entscheidend. Wenn die Vision gut ist, kommt das Geld von alleine.
KORBINIAN KOHLER:
Aber man braucht Geld, um gute Architektur zu machen. Ist das zwingende Voraussetzung?
MATTEO THUN:
Nein, ganz im Gegenteil. Hervorragende Architektur kommt immer aus Geldknappheit, und ein vertretbares Budget ist besser als zu viel Geld. Zu viel Geld generiert nie gute Architektur.
KORBINIAN KOHLER:
Ich kann mich noch erinnern, als du nach Wildbad Kreuth kamst, hattest du einen ganz anderen Ansatz als alle Architekten, denen ich das zuvor gezeigt habe. Du bist sozusagen ums Haus gegangen. Du hast zuerst einmal geschaut, wo ist Norden, Osten, Süden, Westen. Du hast geschaut, wo der Wind herkommt, Du hast dir die Berge angeschaut. Du hast eine ganz andere Herangehensweise. Wie wichtig sind Grundsatzthemen, wenn du an ein Projekt rangehst?
MATTEO THUN:
Grundsatzthemen sind immer dann vorhanden, wenn etwas gut altert und meine Architektur genauso wie die Architektur von allen meinen Kollegen kannst du erst nach drei, vier Generationen beurteilen, ob etwas wirklich standhält. Die Gesamtanlage Kreuth ist einfach fantastisch. Sie wird überleben. Mit und ohne Korbinian.
KORBINIAN KOHLER:
Ja, da gebe ich dir recht.
Du wirst oft als Stararchitekt bezeichnet. Du magst den Ausdruck aber nicht. Warum?
MATTEO THUN:
Stararchitekt – das ist eine andere Generation. Ich gehöre zur nächsten Generation. Das sind die Architekten, deren Namen nicht wichtig ist, sondern deren Ergebnis entscheidet.
KORBINIAN KOHLER:
Jetzt bist du aber trotzdem einer der prägendsten und bedeutendsten Namen in der Architektur, in Europa und darüber hinaus. Du hast jetzt 40-jähriges Bestehen deines eigenen Büros gefeiert. Wie fühlt sich das an, dieses Lebenswerk?
MATTEO THUN: Ich schaue nach vorne und nicht nach hinten und mache keine Bestandsaufnahme.
KORBINIAN KOHLER:
Als dein Buch ‚Stories‘ vorgestellt wurde, und wir bei euch im Innenhof in deinem Büro in Mailand waren, während des Salone del Mobile, hast du gesagt, dass du eigentlich nur der Pilot bist. Aber deine Frau Susanne sei sozusagen der Tower, der dir sagt, wo du hinfliegen sollst. Natürlich eine wahnsinnig liebe Hommage an deine Frau. Wie habt ihr die Rollen verteilt?
MATTEO THUN:
Die Rollenverteilung mit meiner Frau ist sehr einfach. Sie ist der Radar und sagt mir, wo geht die Reise hin. Und ich bin nur der Ausführende.
KORBINIAN KOHLER:
Das spricht für deine Bescheidenheit.
MATTEO THUN:
Nein, es ist so.
KORBINIAN KOHLER:
Auf jeden Fall.
MATTEO THUN:
Meine Frau kommt aus der Mode und weiß, was in zwei bis fünf Jahren los ist. Sie kann mit mehr Sicherheit als ich vorhersehen. Und das macht sie immer noch.
KORBINIAN KOHLER:
Also seid ihr für euch gegenseitig als Paar, aber auch als regierende Kreative wichtig füreinander.
MATTEO THUN:
Wir sind wichtig füreinander und wir haben uns nie in die Haare bekommen, weil wir uns auch in unserem Büro in Mailand oder München nie sehen, weil sie immer vorgelagert und ich nachgelagert bin.
KORBINIAN KOHLER:
Bist du über das neue Buch, das bei Callwey erschienen ist, Matteo Thun. 40 Jahre zufrieden?
MATTEO THUN:
Ob ich mit dem Buch zufrieden bin, kann ich heute nicht sagen. Wir treffen uns in zwei Jahren wieder, und dann sage ich es dir.
KORBINIAN KOHLER:
Vielen Dank, lieber Matteo. Hab mich sehr gefreut, dass wir miteinander sprechen konnten. Ich bedanke mich bei dir.
Matteo Thun wird 1952 in Südtirol geboren. Er war 1981 Mitbegründer von Sottsass Associati und der Gruppe Memphis. Von 1983 bis 1996 unterrichtete er Design an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. 1984 gründete er ein eigenes Studio, Thun & Partners, in Mailand und 2020 ein weiteres Büro in München. Hier gestalten über 80 Mitarbeiter fachübergreifend Architektur, Design und Kommunikation.