Der Unternehmer Korbinian Kohler erklärt im Interview mit Rolf Westermann die Bedeutung von Urlaub im Wandel der Zeit.

ROLF WESTERMANN:
Korbinian Kohler, die Reiselust ist zurück. Die Menschen suchen wieder Erlebnisse außerhalb der eigenen vier Wände. Ist Tourismus ein Megatrend, der nie zu Ende geht?

KORBINIAN KOHLER
Davon bin ich überzeugt. Der Mensch hat einen Urtrieb, die Welt zu entdecken und neue Eindrücke zu sammeln. Außerdem ist nach dem Stress der vergangenen beiden Jahre und der Sorge vor dem, was vor uns liegt, das Erholungsbedürfnis gerade besonders groß.

ROLF WESTERMANN:
Hotels gehören zu den ältesten Unternehmen der Welt. Schon im Jahr 705 wurde in Japan das „Nishiyama Onsen Keiunkan“-Hotel eröffnet. In der Liste historischer Firmen sind viele Gasthäuser zu finden. Was sagt das über diesen Wirtschaftszweig aus?

KORBINIAN KOHLER
Menschen ihren Standort wechseln, dann brauchen sie eine Unterkunft und Verpflegung. Ab einem gewissen Zivilisationsgrad geschieht das in einer Herberge und nicht mehr auf dem Feld oder im Wald. Mindestens so wichtig ist das Hotel als sozialer Treffpunkt sowohl von Fremden als auch von Einheimischen. Das konnte man während der Corona-Lockdowns wie in einem gigantischen Feldversuch beobachten. Hotels haben eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

ROLF WESTERMANN
Das älteste Hotel gehört seit 1300 Jahren derselben Familie. Wie wichtig ist Kontinuität, welche Bedeutung hat die Familientradition?

KORBINIAN KOHLER:
Gerade die weichen Faktoren des gesellschaftlichen Klebstoffs können deutlich besser von traditionsreichen Familienhotels gelebt werden. Warum fahren wir alle lieber in ein privat geführtes Hotel, um Urlaub zu machen, als in ein Kettenhotel? Weil man nur hier das Persönliche, das Menschliche spüren kann.

ROLF WESTERMANN::
Die Menschen haben schon immer aus unterschiedlichen Gründen Reisen unternommen. In Deutschland wurden die ersten Hotels an Handelswegen und Pilgerpfaden gegründet. Doch Urlaub für alle ist eine recht neue Erfindung. Wie verändern sich Ferienreisen?

KORBINIAN KOHLER:
Ich glaube, Ferien- und Urlaubsreisen werden immer individueller und zielgruppenspezifischer. Es ist klar zu erkennen, dass für immer mehr Reisende das Thema Natur und Nachhaltigkeit eine enorm große Rolle spielt.

ROLF WESTERMANN:
Nach Destinationen wie Rüdesheim und Ruhpolding in den 1960er-Jahren stand eine Zeitlang im Mittelpunkt, möglichst günstig fremde Welten kennenzulernen. Sind jetzt wieder die Heimatregionen am Zug?

KORBINIAN KOHLER:
Ganz eindeutig. Die Menschen sehnen sich nach Sicherheit und Zugehörigkeit, was in diesem Fall Heimat bedeutet. Außerdem sind sie umweltbewusster geworden. Wenn ich hier den Bezug zu unserer Region – dem Tegernsee – machen darf: Von den Grundbedürfnissen ist es hier extrem sicher, wir haben die besten Kliniken auf Weltniveau und sind verkehrstechnisch perfekt angebunden. Das Klima ist sehr angenehm und gesund; wir haben mehrere Luftkurorte. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass es noch einige vom Eigentümer geführte Betriebe gibt, die das Lebensgefühl des Tegernsees authentisch vermitteln. Wenn die Gäste dann noch nach einer Bergwanderung in den See springen, abends auf einem unserer Waldfeste einen Steckerlfisch essen und ein Tegernseer Bier trinken, dann lassen sie jeden Hummer und jeden Champagner links liegen – obwohl es das bei uns natürlich auch gibt.

ROLF WESTERMANN:
Auch am Tegernsee gab es ein Auf und Ab.

KORBINIAN KOHLER:
Ja, in den 1990er-Jahren Jahren hat uns die Mallorca-Welle getroffen. Viele Gäste, die früher am Tegernsee waren, gingen plötzlich beispielsweise nach Mallorca, weil man da vom Rheinland aus genauso schnell war und es dort heißer ist. Zusätzlich hatten damals Gemeinden und Hoteliers nicht mehr investiert. Viele dachten, der Tegernsee ist so schön, da kommen die Leute schon von allein. Das hat sich um die Jahrtausendwende böse gerächt. Aber das Blatt hat sich inzwischen wieder vollkommen gewendet, und der Tegernsee ist heute so angesagt, wie vermutlich noch nie, mit dem Nebeneffekt, dass die Immobilienpreise sich vervielfacht haben.

ROLF WESTERMANN:
Welche Art von Urlaub ist heutzutage gefragt?

KORBINIAN KOHLER:
Das kann man nicht pauschal beantworten. Ich würde sogar sagen, dass der Trend ist, dass es keinen allgemeinen gesellschaftlichen Trend gibt.

ROLF WESTERMANN:
Die Weltereignisse sind aufregend genug. Gibt es dennoch einen Erlebnishunger?

KORBINIAN KOHLER:
Ich bin mir nicht sicher, ob der Erlebnishunger heute größer ist als früher. Im Gegenteil ist ja oft die Rückbesinnung zur Natur das, was gesucht wird. Wenn ich mir meine Kinder zum Beispiel ansehe, die lieben es, auf den Berg zu gehen oder mit mir über den Tegernsee zu schwimmen. Das hätten wir früher als Jugendliche als extrem langweilig empfunden. Gerade bin ich mit meinem jüngsten Sohn mit dem Fahrrad vom Tegernsee in die Marken in Italien gefahren. Eigentlich total spießig, aber es war mit das Coolste, was wir je gemacht haben. Ich sehe also keinen Trend zu mehr spektakulärem Erlebnishunger.

ROLF WESTERMANN:
Sie sind für Ihre Liebe zur Region bekannt. In welchem Verhältnis stehen Heimat und Weltoffenheit?

KORBINIAN KOHLER:
Genau diese zwei Pole haben am Tegernsee schon immer eine große Rolle gespielt. Das hängt vor al- lem mit dem Kloster Tegernsee zusammen, das im Mittelalter eines der wichtigsten kulturellen und intellektuellen Zentren in Europa war. Schon damals kamen Menschen von weit her an den Tegernsee und haben sich mit der Bodenständigkeit verbunden, die wir hier auch sehr lieben und schätzen. Als das königliche Haus das Kloster übernommen hat, um eine Sommerresidenz daraus zu machen, blieb dieses Phänomen erhalten. So bin auch ich ein typischer Fall eines Menschen vom Tegernsee. Ich bin hier aufgewachsen, später einige Jahre ins Ausland gegangen, um zu studieren und zu arbeiten, und bin dann wieder in die Heimat zurückgekehrt.

ROLF WESTERMANN:
Schließt der Trend zur Regionalität globales Denken aus?

KORBINIAN KOHLER:
Wir sind alle international verflochten. Durch Internet, Smartphones oder Social Media können wir gar nicht nur lokal denken. „Think global, act local“ heißt es ja immer so schön.

ROLF WESTERMANN:
Zu den Megatrends, die zu Veränderungen weltweit treiben, gehören unter anderem auch Gesundheit, Gender Shift, Individualität, Konnektivität, Globalisierung und Urbanisierung. Welchen Einfluss haben diese Faktoren auf das Reisen?

KORBINIAN KOHLER:
Trotz des Wunsches nach Zugehörigkeit und Sicherheit wollen wir in den westli- chen Demokratien immer individueller leben und auch wahrgenommen werden. Logischerweise spiegelt sich das dann auch beim Reisen wider. Daher werden beispielsweise Hotels nach meiner Wahrnehmung immer spezifischer für bestimmte Zielgruppen ausgelegt.

ROLF WESTERMANN:
Auch Mobilität ist ein Megatrend. Ist der Weg das Ziel?

KORBINIAN KOHLER:
Für Camper, Pilger und Radler wie mich: Ja (lacht).

ROLF WESTERMANN:
Welche Rolle spielt Luxus und wie wird der heutzutage definiert?

KORBINIAN KOHLER:
Auf jeden Fall individuell. Für den einen ist es klassischer Genuss, sich Dinge zu gönnen, die man sich normalerweise nicht leistet, für den anderen ist es, Zeit zu haben oder ein besonderes Erlebnis zu genießen. Die klassische Sicht auf Luxus wie früher gibt es heute nicht mehr.

ROLF WESTERMANN:
Viele Produkte und Wirtschaftssegmente haben ihre Epoche und verschwinden dann wieder. Die herkömmlichen Farbfilme sind längst digitalisiert, Telex und Telefax gehören der Vergangenheit an, der Kohlebergbau geht zu Ende und bald hat wohl auch der Verbrennungsmotor ausgedient. Wie muss sich das Gastgewerbe verändern, um in der sich verändernden Welt mitzuhalten?

KORBINIAN KOHLER:
Ich sehe vor allem das Thema Nachhaltigkeit und die Notwendigkeit, eine attraktive Arbeitgebermarke zu entwickeln. Beides hängt auch mit der Sinnfrage zusammen. Nachwuchstalente werden heutzutage endlich ganz anders respektiert als früher. Und ich glaube nicht mehr daran, dass es viel Sinn ergibt, nur zum Baden auf die Malediven zu fliegen. Gäste wie Mitarbeiter müssen einen Sinn sehen in dem, was sie machen.

ROLF WESTERMANN:
Der weltweite Tourismus soll nach einer australischen Studie für acht Prozent der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich sein. Wie kann die Branche das eindämmen?

KORBINIAN KOHLER:
Da kann ich jetzt nur für unsere Bachmair-Weissach-Betriebe sprechen. Wir stellen in diesem Herbst größtenteils von Gas auf Biomassenkraftwerk um und belegen unsere Dächer mit Photovoltaik-Anlagen, sodass wir spätestens im nächsten Jahr klimaneutral, wenn nicht vielleicht sogar klimapositiv sind. Das sind große Investitionen, die wir aber aus voller Überzeugung tätigen.

ROLF WESTERMANN:
Stehen Reisen und Urlaub im Kontrast zum Schutz der Umwelt?

KORBINIAN KOHLER:
Streng betrachtet ist es derzeit noch so. Man muss aber dazu sagen, dass unsere schiere Existenz momentan dem Schutz der Umwelt entgegensteht. Es ist hier also die Frage nach der Angemessenheit zu stellen. Ich glaube, wir können und sollen ja nicht aufhören zu existieren und damit auch zu reisen, aber wir werden uns die Ökobilanz unserer Reisen und Urlaube in Zukunft sicherlich sehr viel genauer anschauen.

ROLF WESTERMANN:
Fürchten Sie Reiserestriktionen für die Zukunft?

KORBINIAN KOHLER:
Nicht für unsere Häuser am Tegernsee. Was die Umstellung auf einen klimafreundlichen Betrieb der Häuser angeht, glaube ich, haben wir zusammen mit einigen unserer Kollegen eine Vorreiterrolle eingenommen.

ROLF WESTERMANN:
Welche Faktoren sind für Sie persönlich wichtig, wenn Sie selbst Urlaub machen?

KORBINIAN KOHLER:
Ruhe, Natur, mit meiner Familie zusammen sein.

ROLF WESTERMANN:
Welche Vision haben Sie von Reisen und Urlaub 2035?

KORBINIAN KOHLER:
Ich glaube, dass wir die Klimakrise schneller in den Griff bekommen werden, als wir heute vermuten, weil die technischen Entwicklungen auf dem Gebiet enorm vorankommen. Wir müssen dennoch jetzt extrem nachhaltig handeln, weil wir sonst irreversible Tipping-Points überschreiten. Daher ist es für mich schwierig zu erkennen, wie unser Leben in 13 Jahren aussehen wird. Auf jeden Fall anders!

ROLF WESTERMANN, Chefredakteur der ahgz