AUS DER ZEIT GEFALLEN – GABRIELE MÜNTER IST MEINE HELDIN
AUS DER ZEIT GEFALLEN – GABRIELE MÜNTER IST MEINE HELDIN
Es ist ein magischer Ort der Kunst: das Münter-Haus in Murnau. Vor der Haustür liegt das berühmte Blaue Land. Gabriele Münter und ihre Künstlergruppe Der Blaue Reiter haben die Landschaft auf Leinwand gebannt. Es ist also der ideale Ort für ein Gespräch zwischen Mon Muellerschoen und Korbinian Kohler über Frauen in der Kunst, über die Dynamik von kreativen Gesellschaften, über Sammelleidenschaft, und wie und warum Kunst unser Leben beflügelt
KORBINIAN KOHLER:
Mon, du hast für das Interview das Münter-Haus in Murnau vorgeschlagen. Warum?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich glaube an die Kraft von Orten. Dein Hotel am Tegernsee ist so ein Energieort und das Münter-Haus eben auch. Diese Frau war eine Visionärin und hier, wo sie so lange gelebt und gearbeitet hat, gehen mir sofort Tausende Bilder und Emotionen durch den Kopf. Münter ist eine Frau, die sich in der männerdominierten Kunstwelt von damals durchgesetzt hat. Sie hat die jahrhundertelange Benachteiligung der Frau nicht akzeptiert. Gabriele Münter war völlig aus der Zeit gefallen, sie lebte, wie man eigentlich als Frau damals nicht leben durfte. Deswegen ist sie für mich eine persönliche Heldin, weil sie so frei wie es nur ging gelebt und sich so viel erlaubt hat.
KORBINIAN KOHLER:
Und das ist etwas, was du sozusagen retrospektivisch honorieren willst, oder findest du, davon bräuchte es auch heute wieder mehr?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja, wir brauchen Freigeister. Egal, ob Mann, ob Frau. Menschen, die ihren Weg gehen. Ich finde, dass wir von Münter viel lernen können, und ich finde, dass diese große Künstlerin immer noch zu wenig gewertschätzt wird. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft, im Berufsleben ist besser geworden, gerade in den vergangenen Jahren dank Bewegungen wie MeToo, aber wir alle dürfen nicht aufhören dafür zu kämpfen, sonst kann sich alles ganz schnell wieder zum Alten wenden, weil es eben seit Jahrtausenden so ist, dass der Mann der Stärkere ist und die Frau eher zurückgezogen im Haus lebt und die häuslichen Dienste verrichtet. 1971 haben die Frauen in der Schweiz das Wahlrecht bekommen, das liegt nur 50 Jahre zurück, das ist gar nichts.
KORBINIAN KOHLER:
Gabriele Münter wuchs in einer Zeit auf, in der es noch gar kein Frauenwahlrecht gab, das kam erst 1918, wie kam denn Gabriele Münter zur Kunst?
MON MUELLERSCHOEN:
Sie war eigentlich eine Autodidaktin. Keiner hat sie gefördert. Ihr Glück: Sie wuchs in einer sehr liberal denkenden Familie auf, ihre Mutter kam aus Amerika, dadurch herrschte in der Familie schon dieser liberale, amerikanische Freiheitsgedanke, sie hat ihre Töchter sehr frei erzogen. Gabriele Münter ist mit ihrer Schwester Emmy 1897 für zwei Jahre nach Amerika gegangen, da war sie gerade mal 20 Jahre alt, um ihre Verwandten zu besuchen. Und sie hatte einen Fotoapparat dabei. Sie hat ohne jede Ausbildung und ohne jemals künstlerische Förderung zu genießen, ein Wahnsinns-Konvolut von Fotografien erstellt. Sie ist durch die USA gereist, und sie hat Personen und Landschaften aufgenommen, da sah man eigentlich schon, wie unglaublich gut ihre Fähigkeit war, eine Bildkomposition zu begreifen.
KORBINIAN KOHLER:
Mon, du bist eine der wichtigsten Kunstikonen in der deutschen Kunstszene. Du bist Kolumnistin bei BUNTE, du hast die Hubert Burda Media-Sammlung wesentlich gestaltet, auch die Sammung anderer großer deutscher Sammler. Du bist Mitglied in verschiedenen Gremien, im Vorstand einiger Museen, Kuratorin vieler Ausstellungen. Ist dieser Wunsch, Frauen mehr ins Zentrum der Kunstgesellschaft zu rücken, etwas, was du in deiner täglichen Arbeit auch umsetzt?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja, absolut. Ich war zeitlebens immer freiberuflich, nie angestellt – das war mir immer wichtig! Ich denke, ich bin ein guter Teamworker, aber ich glaube, ich hätte es schwer mit einem Chef oder einer Chefin, weil ich einfach meine Freiheit brauche. Ich habe immer mit Frauen zusammengearbeitet. In meinem kleinen Unternehmen stelle ich gerne Frauen an, vor allem Mütter, Alleinerziehende, weil ich weiß, wie schwer es ist, auch aus eigener Erfahrung, den Spagat als Mutter zwischen Beruf und Familie hinzukriegen. Ich arbeite auch gerne mit Künstlerinnen. Ich bin für sie gerne eine Art Mentorin und möchte ihnen meine Erfahrungen weitergeben. Das macht ihr Männer oft besser, weil ihr es über Jahrhunderte gelernt habt.
KORBINIAN KOHLER:
Du förderst Frauen, aber du sammelst auch selbst Kunst, oder?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich sammle sehr junge Künstler, die dürfen auch ein bisschen edgy sein. Ich liebe die Energie von Rebellen wie Münter eine war, die mir neue Horizonte und Möglichkeiten schenken. Mich interessieren Abgründe, mich interessieren Besessene. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der eben ein bisschen anders war, der Schmetterlinge gesammelt hat –über 150 000 Stück. Mein Vater hatte diese Besessenheit, die auch vielen Künstlern und Künstlerinnen innewohnt. Deshalb liebe ich es, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die für ihre Sache brennen. Du, lieber Korbinian, bist auch so ein Verrückter im positiven Sinn. Ein besonderer Hotelier, der neu und anders und mit voller Leidenschaft denkt. Wenn man Kunst sammelt, lernt man die Künstler kennen. Das sind oft sehr intime, sehr psychologische Gespräche. Meine Grundlagen dazu sind ein Stück weit sicherlich durch mein merkwürdiges Elternhaus gelegt worden.
KORBINIAN KOHLER:
Erzähl doch bitte was von deinem Elternhaus. Dein Vater hat Schmetterlinge gesammelt, aber davon hat er nicht gelebt, oder?
MON MUELLERSCHOEN:
Mein Vater war Diplom-Ingenieur. Er kam aus einem armen Elternhaus, hat sich alles selbst erarbeitet. Er hat sich sein Studium am Polytechnikum in München als Maurer verdient – er war der Erste und Einzige in seiner Familie, der studiert hat. Außerdem hat er mit 13 Jahren angefangen, Schmetterlinge zu sammeln. Er konnte nicht anders. Als wir klein waren, mein Bruder und ich, sind wir immer mit einem Schmetterlingsnetz um die Welt geflogen. Dann mussten wir als kleine Kinder diese wunderschönen Tiere fangen und töten. Das musste sehr schnell gehen, weil das Wertvolle am Schmetterling ist der Staub auf den Flügeln. Und wenn sie sich irgendwo stoßen, geht der ganz schnell weg. Mein Vater hat auch selbst Schmetterlinge gezüchtet. Ich bin oft morgens aufgewacht, weil dann wieder ganz viele geschlüpft sind. Das war ein besonderes Geräusch, dieser flüchtige Flügelschlag, denn kurze Zeit später mussten sie sterben. Ich erinnere mich noch daran, wie oft wir zur Schmetterlingsbörse nach Prag gefahren sind – hinter den Eisernen Vorhang, da waren wir ganz jung. Er hat alle Tiere über die Grenze geschmuggelt und seine Neuerwerbungen auch wieder zurück. Wir Kinder saßen auf dem Rücksitz wie angenagelt, während der Grenzer unseren Wagen kontrolliert hat. Mein Vater hat sich damals einen Koffer bauen lassen mit einem gefütterten Geheimfach. Der war so konstruiert, dass selbst ein Röntgengerät die Schmetterlinge nicht entdecken konnte. Auch aus China hat er einige Exemplare herausgeschmuggelt. Wir haben immer gesagt: „Papa, du spinnst, wir holen dich nicht aus dem chinesischen Straflager raus.“ Aber er konnte nicht anders, er war ein verrückter Sammler. Große Sammler denken so, sie müssen die Dinge, die sie faszinieren, die etwas in ihnen auslösen, besitzen. Das ist auch in der Kunstwelt so.
KORBINIAN KOHLER:
Und meinst du, das hat dich geprägt?
MON MUELLERSCHOEN:
Sehr.
KORBINIAN KOHLER:
Für deine jetzige Arbeit?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja, auch der Umgang mit Menschen, die anders sind. Der Umgang mit Menschen, die out of the box denken. Mein Vater hat für seine Schmetterlinge gelebt. Und ich lebe für die Kunst.
KORBINIAN KOHLER:
Wow, toll.
In dieser Ausgabe vom Momente Magazin geht es auch schwerpunktmäßig um das Thema Gesellschaft. Was für eine Rolle, welchen Teilbereich der Gesellschaft oder wie stark siehst du den Einfluss von Kunst auf die Gesellschaft: Formt Kunst die Gesellschaft oder ist die Kunst der Spiegel der Gesellschaft?
MON MUELLERSCHOEN:
Beides. Ich sage immer salopp, jedes Unternehmen müsste einen Artist-in-Residence beschäftigen, um am Puls der Zeit zu bleiben, um Strömungen früh zu fühlen. Ich glaube, dass Künstler Seismografen unserer Gesellschaft sind. Künstler sehen schneller, was kommt. Sie reagieren schneller, trauen sich Dinge auszusprechen, die unbequem sind. Heute habe ich oft das Gefühl, das Unternehmen nicht mehr mutig sind, weil Mitarbeiter Angst haben anzuecken, ungünstige Zustände zu ändern. Künstler trauen sich das, und Künstler beeinflussen. Aber natürlich werden sie auch von der Gesellschaft, von der Politik, von dem Zeitgeschehen beeinflusst.
KORBINIAN KOHLER:
Was interessiert dich mehr, Künstler, die es schaffen, durch ihre Provokationen Denkschwellen zu überschreiten und dadurch Gesellschaft zu verändern, oder Künstler, die in der Lage sind, Gesellschaft so sensibel zu spüren, dass sie sich sozusagen in ihrer Kunst wieder darstellt und den Menschen vor Augen führen?
MON MUELLERSCHOEN:
Eigentlich die, die sich trauen, die schwierig sind, die provozieren, die erschrecken, die auch Angst machen.
KORBINIAN KOHLER:
Hubert Burda war einer der Ersten, der Teile seiner privaten Sammlung ins Unternehmen gehängt hat, einer der Ersten in Deutschland.
MON MUELLERSCHOEN:
Und ich durfte mit meiner damaligen Partnerin Judith Milberg das Konzept dafür erarbeiten und umsetzen. Das war sehr spannend zu sehen, was die Kunst im Unternehmen, in den Räumen der Mitarbeiter, bewirkt hat. Viele sagten: „Wow, wir arbeiten im Museum“, und diese Auseinandersetzung mit der Kunst sorgte oft für mehr Kommunikation. Es kamen tolle Gespräche zustande. „Wieso? Wieso hängt es hier? Was macht der ,Iglu‘ von Mario Merz?“ Hubert Burda hat immer gesagt, dass es für ihn ganz wichtig ist, dass die Kunst ins Haus kommt, weil auch die Leute, die im Verlag arbeiten, Kunst produzieren und selbst kreativ sind. Das war und ist das Konzept der Hubert Burda Media Sammlung: „Art, Media and Communication“.
KORBINIAN KOHLER:
Du meinst also, dass kritische Kunst die Mitarbeiter auch aufrütteln und animieren soll, out of the box zu denken?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja.
KORBINIAN KOHLER:
Hubert Burda hat durch dich ein ganz besonderes Konzept. Wenn ich es richtig verstanden habe, dürfen die Mitarbeiter einmal im Monat zu dir kommen und sagen, ich hätte gerne in meinem Büro ein Bild und dann kann es auch mal was Tolles wie ein Warhol sein?!
MON MUELLERSCHOEN:
Wenn ein Warhol gerade in der Artothek hängt, darf der Mitarbeiter das Werk für sein Büro ausleihen. Die Artothek wurde 1996 gegründet, und es ist tatsächlich so: Einmal im Monat mache ich sie auf, und Mitarbeiter dürfen Kunst für ihre Büros ausleihen.
KORBINIAN KOHLER:
Wie muss man sich so einen Auswahlprozess vorstellen?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich habe eine digitale Datenbank für meine Sammlungen entwickelt. Ich betreue die Kunst einiger Privat- und Unternehmenssammlungen – insgesamt um die 7000 Werke von der Antike bis heute. Bei Burda kommt der Mitarbeiter ins Archiv und kann zwischen vielen Arbeiten auswählen.
KORBINIAN KOHLER:
Heute ist Kunst hauptsächlich ein persönliches Ausdrücken einer Person oder einer gesellschaftlichen Situation.
MON MUELLERSCHOEN:
Aber das war es damals wie heute, denn jeder Künstler malt eine Landschaft anders, legt eine Komposition anders an, malt eine Figur anders, setzt die Lichter, die Schatten, die Farbigkeit anders. Das ist Kunst. Wie heißt es so schön: Kunst kommt von Können. Das ist heute so, das war damals so.
KORBINIAN KOHLER:
Kannst du dich an einen Moment erinnern, in dem du so gerührt warst vor einem Bild, dass du geweint hast?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich war zwar lange nicht mehr in der Kirche für einen Gottesdienst, aber ich komme aus einem sehr bayerisch-katholisch geprägten Umfeld. Als ich angefangen habe, Kunstgeschichte zu studieren, sind wir für ein Seminar in den Petersdom. Ich durfte ins Grab steigen, das Jesus zugeschrieben wurde. Da kommt man eigentlich nicht hin, und als ich dann im Petersdom am Altar stand – die Treppe zum Grab ist direkt unter dem Altar – und die Figuren betrachtet habe, das Licht – das war ein sehr ergreifender Moment.
KORBINIAN KOHLER:
Was würdest du dir wünschen, was Kunst bei den Menschen auslösen soll?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich wünsche mir, dass sie überhaupt was auslöst. Am wenigsten wünsche ich mir, dass es die Leute kalt lässt. Irgendwas, ob es eine positive oder eine negative Reaktion ist, irgendeine Reaktion. Ich werde immer vorsichtiger, je länger ich mit Kunst arbeite. Wenn mich etwas schnell begeistert, dann trete ich meistens zurück und warte ein bisschen ab. Ist das nachhaltig oder schwächt die Begeisterung ab? Es muss eine Provokation sein, es muss dich erschrecken, es muss dich erfreuen, es muss etwas in dir triggern. Das muss passieren!
KORBINIAN KOHLER:
Ist das dann auch deine Definition für gute Kunst?
MON MUELLERSCHOEN:
Gute Kunst ist immer etwas, womit du ganz lange nicht fertig wirst. Gute Kunst ist, wenn du was bei dir zu Hause hast und jahrelang anschaust und immer wieder was Neues entdeckst. Gute Kunst ist, wenn du dich immer wieder mit den Künstlern beschäftigst. Wenn du merkst, dass du darüber neue Ideen entwickelst, dass du Gedanken hast, die du vorher vielleicht nicht hattest.
KORBINIAN KOHLER:
Wir haben vorhin mal über Muße geredet und über die Schnelligkeit der Zeit.
Hat man heute überhaupt noch Zeit und Muße, Kunst wirklich wahrzunehmen?
MON MUELLERSCHOEN:
Wenn man sieht, wie groß der Erfolg der Museen ist, wie die Leute Schlange stehen, stimmt mich das optimistisch. Als ich in den 80er-Jahren Kunstgeschichte studiert habe in München, da habe ich fast nie eine Schlange vor einem Museum gesehen. Eigentlich paradox, aber klar, der Konsum ist heute anders. Vor allem durch das Internet, durch die digitale Transformation und ihre Bilderflut, alles ist schneller geworden. Unser Sehen hat sich geändert. Die Menschen, die jetzt zu mir in die Artothek kommen, sind andere Menschen als vor der Transformation. Das sind Menschen die sehr, sehr visuell sind, die sehr visuell reagieren, die viel gesehen haben. Dadurch auch mehr wissen, mehr wollen als noch vor 20, 30 Jahren. Das ist schon sehr interessant. Trotzdem oder gerade deswegen wohnt in mir eine große Sehnsucht nach Langsamkeit. Deshalb empfehle ich: Gehen Sie ins Museum, lassen Sie ein Werk lange auf sich wirken und beschäftigen Sie sich intensiv mit ihm. Das ist ein wahres Wellness- Programm in unserer hektischen Zeit.
KORBINIAN KOHLER:
Das wäre natürlich sehr wünschenswert. Kunst ist in den letzten Jahren ein ziemlich beliebtes Anlagegebiet geworden. Was sie für gewisse Schichten noch interessanter gemacht hat. Kunst ist in den letzten Jahren immer mehr als Differenzierungsmöglichkeit, zum Statussymbol und zum gesellschaftlichen Vehikel geworden.
MON MUELLERSCHOEN:
Ein Statussymbol war es schon immer. Erst im Adel, später im Großbürgertum, heute in allen Schichten. Wer es sich früher leisten konnte, ließ sich porträtieren und hat Kunst gesammelt. Heute ist extrem viel Bewegung im Kunstmarkt: Neue Technologien, neue Sammler aus schnell wachsenden Märkten wie Afrika und Asien verändern die Kunstwelt. Und durch die Digitalisierung rückt die ganze Welt eng aneinander. Ich habe das große Glück, dass ich viel mit Sammlern arbeite, die aus Leidenschaft sammeln. Junge Sammler stellen oft die Frage: „Ist das in zehn Jahren noch was Wert?“ Dann muss ich immer schmunzeln und sage: „Frag das doch mal den Bankberater.“ Ganz ehrlich: Ich bin keine Hellseherin! Wissen hilft, aber es schaffen eben nur ganz wenige Künstler in die Elite. Ich rate neuen Sammlern immer: Sammeln Sie aus Leidenschaft, setzen Sie sich eine Schmerzgrenze. Bei manchen ist diese bei 500 Euro, bei manchen bei 5000, beim anderen bei fünf Millionen. Wenn sie dann ein Bild kaufen, oder eine Skulptur, ein Kunstobjekt, und sie schauen das zehn Jahre lang an und haben zehn Jahre lang Freude und im zwölften Jahr sagen sie, ich habe mich entwickelt, ich habe mich satt gesehen, es sagt mir nichts mehr – und sie verkaufen das Bild mit Verlust, so haben sie trotzdem zehn Jahre mit dem Bild gelebt. Ein Auto ist da unwirtschaftlicher. Trotzdem bemühe ich mich natürlich, dass die Kunst Bestand hat, nicht nur Bestand im Visuellen, sondern auch im Materiellen. Und mit ein bisschen Glück kauft man früh den nächsten Picasso. Aber wer das sein wird, das kann keiner vorhersagen, weil viele Künstler und Künstlerinnen erst rückblickend ihre Genialität bewiesen haben.
KORBINIAN KOHLER:
Du hast jetzt schon einen deiner Geschäftsbereiche genannt, die Kunstberatung. Du hast noch eine eigene Kunstfirma, du hast die Internetplattform Wunderkunst.shop, wo du Kunst verkaufst von jungen, aufstrebenden Künstlern. Du bist, wie vorhin erwähnt, in vielen Kuratorien und bei Museen. Dein größter Kunde ist Hubert Burda.
MON MUELLERSCHOEN:
Er ist mein Mentor, ich schätze mich sehr froh, dass ich mit diesem außergewöhnlichen, visionären Mann seit 1989 zusammenarbeiten kann.
KORBINIAN KOHLER:
Was machst du mit Sammlern, oder arbeitest du überhaupt mit Sammlern, die das Thema Kunst hauptsächlich als Invest-Portfolio sehen?
MON MUELLERSCHOEN:
Nicht wirklich. Ich finde es spannender mit Menschen zu arbeiten, die eine Leidenschaft für ein bestimmtes Thema haben. Bei neuen Sammlern helfe ich gerne, dieses Thema zu finden und zu entwickeln. Durch mein Know-how, meine Kontakte, mein Wissen. Für mich ist es wichtig, dass etwas entsteht, dass die Sammlung eine Geschichte erzählt. Und wenn alles passt, dann eben so eine Geschichte wie die von Hubert Burda, der ja aus einer Familie kommt, wo schon seine Mutter und sein Vater gesammelt haben. Sein Bruder Frieder hat eine der größten Privatsammlungen Deutschlands und in Baden-Baden ein öffentliches Museum mit eigenem Geld gestiftet. Hubert Burda hat an verschiedenen Punkten seines Lebens Bilder gekauft. Ich nenne sie die Burda-Ikonen, die ihn berührt haben, weil sie etwas aussagen, was in seinem Leben los war zum Zeitpunkt des Erwerbs. Da gibt es zum Beispiel ein Bild von Sandro Chia, einem italienischen Maler, der in den 80er-Jahren sehr berühmt war. Es handelt sich um ein riesiges Bild in Kreuzform auf Reispapier und zeigt in der Mitte lebensgroß Giuseppe Garibaldi, den italienischen Freiheitskämpfer. Hubert Burda hat dieses Bild in den frühen 80er-Jahren gekauft, als er beschlossen hat (er war ja in den frühen 70ern Chefredakteur der BUNTE), dass das Magazin BUNTE von Offenburg nach München geht. In München war die Filmszene, Volker Schlöndorff, da waren sie alle, ja. Da war Freddie Mercury, da war Fassbinder. Und dann ist er umgezogen mit BUNTE. Und das war natürlich für die Offenburger, der Verlag wurde ja 1945 ebenda gegründet, ein Schlag. Das war dieser schwere Weg, den er gehen musste, das bedeutet für ihn dieses Bild. Diese Darstellung des Garibaldi, der sich durch diesen Fluß vorwärts kämpft. Und wenn man das Werk anschaut, wie der Protagonist auf den Stock gestützt, so richtig erschöpft, sich vorankämpft – das hat Hubert Burda damals berührt, als er diese schwierige Entscheidung treffen musste. Gegen seine Heimat Offenburg, für München. Und das ist so schön an seiner Sammlung: Es gibt viele Bilder, die eben Motive zeigen, die ihn an einen für ihn wichtigen Lebensabschnitt erinnern.
KORBINIAN KOHLER:
Würdest du sagen, dass eine gute Sammlung aufzubauen, per se eine Art von Kunst ist?
MON MUELLERSCHOEN:
Unbedingt. Man muss viel Zeit investieren. Man sollte sich nicht nur auf Kunstberater verlassen, man muss sich seinen innersten Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten stellen. Man muss sehen lernen, muss Literatur lesen, Künstlerkataloge, in Ausstellungen, in Ateliers, in die Akademien gehen.
KORBINIAN KOHLER:
Würdest du sagen, als Kunstberaterin, dass man nicht automatisch sagen kann, je teurer ein Bild, desto besser ist es?
MON MUELLERSCHOEN:
Auf keinen Fall! Aber klar, ein sehr teures Bild wird eher seinen Wert behalten. Aber jeder große Maler – auch Warhol und Basquiat und wie sie alle heißen – hat auch schlechte Bilder gemalt. Du kannst natürlich nicht irgendwas kaufen, du musst schon wissen, ist es echt, ist es gut und aus welcher Zeit kommt es, war das die gute und kunsthistorisch wichtige Periode des Künstlers. Nicht jeder Warhol ist ein guter Warhol. Da gehört viel Erfahrung und Wissen dazu.
KORBINIAN KOHLER:
Findest du es wichtig, als Sammler oder Käufer von einem Bild den Künstler selbst zu kennen?
MON MUELLERSCHOEN:
Das ist eine schwierige Frage. Ich persönlich möchte immer den Künstler kennen. Ich habe es schon erlebt, dass Sammler ein Bild gekauft hatten und danach erst den Künstler kennengelernt haben – und dann war der ihnen nicht sympathisch! Und dann hatten wir den Salat.
KORBINIAN KOHLER:
Ich habe dieselbe Frage das letzte Mal Dr. Peter Haller, dem Serviceplan Gründer, gestellt, und er hat gesagt, mich interessiert das überhaupt nicht, ich will den Künstler gar nicht kennenlernen. Er ist natürlich noch einer vom alten Schlag. Er sammelt aus Leidenschaft. Aber es hat sich schon auch geändert durch das Internet, durch diese digitale Transformation, wo wir eigentlich Zugang zu allem haben.
MON MUELLERSCHOEN:
Das war früher so ein bisschen mysteriös und mehr Heiligtum. Diese Öffnung ist auch dank Corona passiert, weil auch Künstler ihre Ateliers plötzlich geöffnet haben und aus dem Atelier heraus gefilmt, gesendet und ihren Schaffensprozess erklärt haben.
KORBINIAN KOHLER:
Gibt es irgendwelche Trends im Kunstmarkt im Moment, die man erkennen kann?
MON MUELLERSCHOEN:
Man sagt, die Malerei sei tot. Ich finde nicht. Im Moment ist Videokunst und Keramik vielleicht im Trend, und digitale Kunst wie NFTs. Aber gute Kunst ist an kein Medium gebunden, finde ich.
KORBINIAN KOHLER:
Angenommen, du könntest dir ein Kunstwerk auf der Welt nehmen. Und du musst nichts dafür zahlen.
MON MUELLERSCHOEN:
Lieblingsfrage. Das ist die Lieblingsfrage. Ich weiß gar nicht, was ich antworten soll. Ich lieb sie. Auf jeden Fall Matisse. Matisse, dafür würde ich zum Dieb werden.
KORBINIAN KOHLER:
Okay. Und warum Matisse?
MON MUELLERSCHOEN:
Ich weiß es nicht. Matisse berührt einfach was in mir. Und diese Farbigkeit und die Formen. Für Matisse würde ich viel tun. Ich finde ihn großartig, er berührt meine romantische Seele. Und er hat auch sehr viele Zeitgenossen inspiriert.
KORBINIAN KOHLER:
Weil Gesellschaft das Thema ist, warum bist du auf Gabriele Münter gekommen?
MON MUELLERSCHOEN:
In deinem Magazin geht es um Gesellschaften: Und Künstlergruppen sind ja Gesellschaften. Ob das jetzt Die Brücke ist, der Blaue Reiter, die Sezession. Ich habe diese Intensität von Künstlergruppierungen immer bewundert. Zudem ist Münter eine Frau, die mich inspiriert, und Frauen in der Kunst sind gerade ein wichtiges Thema in der Kunst wie in der Gesellschaft. Gabriele Münter ist also ein Vorbild, weil sie total unkonventionell war. Und auch ihre Künstlergruppe, der Blaue Reiter, hat gesellschaftliche Normen durchbrochen.
KORBINIAN KOHLER:
Findest du, dass es heute noch genügend mutige Künstler gibt? Die jetzt abseits des Kommerzes, sondern rein der Sache selbst wegen sich trauen und den Wunsch haben, durch ihre Kunst gesellschaftliche Dinge voranzubringen?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja, finde ich schon.
KORBINIAN KOHLER:
Also gibt es junge und gerade auch junge Frauen, die sich sehr aufstellen und positionieren für die Emanzipation, für den Feminismus.
MON MUELLERSCHOEN:
Da gibt es einige, da kann ich dir einige sagen.
KORBINIAN KOHLER:
Auch so mutig?
MON MUELLERSCHOEN:
Ja, etwa Janine Mackenroth, Sophia Süßmilch oder Lucia Mattes, die noch bei Jan Bock in Karlsruhe an der Akademie studiert. Süßmilch ist eine unglaublich mutige Feministin, die neu denkt. Sophie Schmidt elektrisiert mit ihren Performances. Da gibt es einige, die sehr mutig sind und voranschreiten. Wenn man dann wieder so auf Kunstmessen schaut, dann sind natürlich diese Positionen, die ein bisschen sperrig und kompliziert sind, nicht so leicht zu verkaufen.
KORBINIAN KOHLER:
Worauf bist du in deiner Kunstlaufbahn am meisten stolz?
MON MUELLERSCHOEN:
Das ist eine schwierige Frage, weil ich nicht so erzogen bin, dass ich stolz auf mich bin. Da bräuchte ich noch ein paar Jahre mehr Therapie. (lacht) Ich habe es einfach nicht gelernt. Ich bin eigentlich stolz darauf, dass ich es so weit geschafft habe und dass ich mir das alles selbst erarbeitet habe. Natürlich mit Hilfe meines tollen Mannes. Das darf ich nicht vergessen, der hat mich unglaublich unterstützt. Aber dass ich diesen Weg gegangen bin und dass mir so viele Leute vertrauen, dass ich von meiner Leidenschaft Kunst leben kann – das macht mich stolz.
KORBINIAN KOHLER:
Dankeschön, Mon.
MON MUELLERSCHOEN:
Danke dir.
Mon Muellerschoen, Kunsthistorikerin, Kolumnistin und Art Consultant gründete nach ihrem Studium der Kunstgeschichte Anfang der 90er-Jahre MM-Artmanagement, ein Dienstleistungsunternehmen für Privat- und Unternehmens-Kunstsammlungen. Heute berät sie Konzerne wie Hubert Burda Media oder Roland Berger und andere. Besonders wichtig ist ihr die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler.
MOMENTE MAGAZIN